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Frankfurter Häuserkampf - Hausbesetzungen - Studentenprotest - 1968 - Westend


Was war der Frankfurter Häuserkampf?

Der Frankfurter Häuserkampf fand in den 1970er Jahren statt und umfasste Protestbewegungen, Kundgebungen und Demonstrationen insbesondere linksgerichteter politischer Aktivisten. Die Proteste richteten sich in erster Linie gegen die Grundstücksspekulationen im Frankfurter Westend. Der Häuserkampf in Frankfurt markiert den Beginn der deutschen Hausbesetzerbewegung und den Anfang vom Ende einer bürgerfernen Stadtplanung. Die Entwicklung von Stadtplanungsmodellen mit Partizipierung durch die Bevölkerung erhielt durch den Frankfurter Häuserkampf entscheidende Impulse. 

Mit den teilweise gewaltsamen Protesten während dem Frankfurter Häuserkampf wollten die Aktivisten gegen die seinerzeit herrschende, massive Verdrängung der Wohnbevölkerung (Gentrifizierung) demonstrieren. Im betroffenen Stadtteil Westend selbst konnte die Bewegung dagegen nur einen teilweisen Erfolg erzielen: Während viele der abrissbedrohten Gründerzeitvillen gerettet und der Bau weiterer Bürohochhäuser gestoppt werden konnte, setzte sich die Vertreibung der Bewohner durch Büromieter lange Zeit weiter fort.

In der Zeit vom Häuserkampf entstanden für Frankfurt zahlreiche Schimpfnamen für die Investorenwut.

Frankfurt wird Wirtschaftsmetropole

Frankfurt wurden nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Hauptstadtfunktionen für die neugegründete Bundesrepublik übertragen anstelle Berlins. Dadurch gewann die Mainmetropole insbesondere an wirtschaftlicher Bedeutung, was mit einem Schub für die Stadtentwicklung einherging. Die sich in Frankfurt ansiedelnden Unternehmen lösten einen immensen Flächenbedarf aus, der über die Wiederherstellung der Vorkriegsbestände hinausging.

Fokus auf Westend und Bahnhofsviertel

Nachdem gegen Ende der 1950er Jahren viele Kriegsschäden beseitigt und die meisten Freiflächen innerhalb der eigentlichen Innenstadt verschwunden waren, stellte sich die Frage nach der Erschließung von Erweiterungsgebieten für die City. Aufgrund der seit Mitte des 19. Jahrhunderts mit Bau der Westbahnhöfe entstandenen „Westlastigkeit“ der Frankfurter City boten sich hierfür die zwei westlich an die Neustadt angrenzenden, gründerzeitlichen Innenstadtbezirke an: das Bahnhofsviertel und das Westend. Wie das Bahnhofsviertel wies auch das Westend vergleichsweise geringe Bombenschäden auf.  Diese beiden Stadtteile galten außerdem durch die Nähe zum Hauptbahnhof, breit ausgebaute Straßen und eine schnelle Verbindung zum Flughafen als gut erschlossen.

Das Bahnhofsviertel ist ein Gründerzeitviertel mit Blockbebauung und war auch seinerzeit dicht bebaut. Die Einwohnerzahl war in diesem Bereich rückläufig, es stieg jedoch die Zahl der Arbeitsplätze stieg an. Im gut erschlossenen Bahnhofsviertel entstanden die Konzernzentralen der Dresdner Bank und von Philipp Holzmann. Diese beiden Unternehmen waren die einzigen, die im Bahnhofsviertel der 1960 und 1970er Jahre Hochhäuser errichteten. Allerdings stehen die ursprünglichen Hochhäuser schon lange nicht mehr. Der Zinserturm der Dresdner Bank wurde durch den Gallileo-Turm ersetzt und die Zentrale von Philipp Holzmann wich dem Skyper-Hochhaus.

Das angrenzende Westend war für Handel, Banken und Versicherungen interessanter als das bereits weitgehend geschäftlich genutzte Bahnhofsviertel. Das Westend war im 19. Jahrhundert jedoch nicht als innerstädtisches Geschäftsviertel, sondern als reines Wohnviertel des Großbürgertums entstanden. Für eine erheblich kleinere Stadt geplant, lag es aufgrund der rasanten Stadtentwicklung von Frankfurt nun mitten in der Großstadt. Durch die Inflationszeit, die Ermordung der Frankfurter Juden im Dritten Reich, die Kriegs- und Nachkriegswirren und die einsetzende Suburbanisierung des Bürgertums war die ursprüngliche Sozialstruktur weitgehend abhandengekommen. Um das Jahr 1960 war das Westend zum großen Teil ein „einfaches“ Wohngebiet.

Im Westend waren damals vor allem zwei- bis dreigeschossige klassizistische, gründerzeitliche und Jugendstilvillen mit großen Gärten vorhanden. Viele der Gebäude waren weitestgehend erhalten geblieben, jedoch in einem schlechtem baulichen Zustand. Dieser Umstand machte das Westend einerseits zu einem der schönsten und historisch wertvollsten Frankfurter Stadtteile, andererseits – angesichts der zentralen Lage und der geringen Nutzungsdichte – in den Augen der Stadtplanung und der Politik zum idealen Erweiterungsgebiet für die wachsende Stadt.

Auftakt zur Spekulation

Die Stadt Frankfurt brachte in der Zeit des Nationalsozialismus am Opernplatz ein großes Grundstück in ihren Besitz, das zuvor der Bankiersfamilie Rothschild gehört. Nach anhaltendem Widerstand wurde das Grundstück schließlich im Jahre 1960 zurückerstattet. Zwei Drittel vom Grundstück, den heutigen Rothschildpark, behielt die Stadt und das andere Drittel ging an die Erben. Zum Wertausgleich wurde den Erben jedoch eine hohe Grundstücksausnutzung zugestanden. Die Rothschild-Erben verkauften das Gelände schließlich an die Zürich-Versicherung und die Berliner Handels-Gesellschaft, die dort jeweils Bürohochhäuser errichteten.

Frankfurt war auf der Suche nach Moderne und Fortschritt, bereits existierende Hochhäuser trafen in der breiten Bevölkerung auf Zustimmung. Der Bau des Zürich-Hochhauses im Jahre 1962 (mittlerweile ersetzt durch den OpernTurm) markierte jedoch den Auftakt zum Ansturm von Bauherren und Investoren auf das Westend. Im Jahre 1966 wurde das Hochhaus der Berliner Handels-Gesellschaft (heute Oddo BHF Bank) eröffnet. Eine Welle der Bodenspekulation war darauf die Folge. 

Hochhausplanungen im Westend

Die SPD-geführte Stadtverwaltung präsentierte im Jahre 1968 mit dem Fingerplan ein informelles Planwerk zur Erweiterung der City in das Westend hinein. Der Fingerplan, auch Fünfingerplan genannt, stammte aus der Feder von Baudezernent Hans Kampffmeyer und dem Leiter der Stadtplanung Hans-Reiner Müller-Raemisch. Der Rahmenplan sah vor, das Westend nicht flächendeckend umzugestalten, sondern die Büronutzungen in neuzubauenden Hochhäusern entlang mehrerer Entwicklungsachsen zu konzentrieren. Vom Opernplatz als „Handteller“ ausgehend sollte dies (im Uhrzeigersinn) die Taunusanlage bzw. die Mainzer Landstraße, den Kettenhofweg, die Bockenheimer Landstraße, die Oberlindau und den Reuterweg betreffen.

Vor allem der „Zeigefinger“ und „Ringfinger“, also Kettenhofweg und Oberlindau, waren jedoch schmale Wohnstraßen, die bisher von innerstädtischen Nutzungen unberührt waren. Auch die Bockenheimer Landstraße galt dank zahlreicher eleganter Villen als eine der schönsten und vornehmsten Straßen der Stadt. Alle drei Straßen waren also für eine massive Verdichtung durch Hochhausbebauung seinerzeit denkbar ungeeignet. Es war schnell absehbar, dass der Plan nur um den Preis erheblicher Stadtzerstörung umzusetzen war.

Dieser Gefährdung des durch die Kriegszerstörungen ohnehin arg geminderten architektonischen und städtebaulichen Erbes der Stadt wurde in der Stadtverwaltung wesentlich weniger Bedeutung zugemessen als in der Öffentlichkeit. Mit Verweis auf das gelungene Stadtbauprogramm Neues Frankfurt der 1920er Jahre von Kampffmeyers Vorgänger Ernst May verfolgte man städtebaulich eine funktionalistisch orientierte Planungspolitik, die den baulichen Zeugnissen der reichhaltigen Stadtgeschichte wenig Respekt zollte. Oberstes und ausdrücklich so benanntes Prinzip der Frankfurter Stadtplanung war seit den 1950er Jahren zudem die autogerechte Stadt.

Fehleinschätzung der Politik

Eine Passage des Fingerplans entfaltete widererwartend eine verheerende Wirkung: als Voraussetzung für eine hohe Ausnutzung eines Grundstücks durch den Bau eines Bürohochhauses war eine Mindestgröße von 2.000 Quadratmetern festgelegt. Private Eigentümer von Wohnhäusern versuchten daraufhin, Nachbargrundstücke zu erwerben und zu einem großen Areal zu verbinden, um dann durch Verkauf an einen Bauherren an der Wertsteigerung des Bodenpreises zu verdienen. Im ersten Jahr nach der Verabschiedung des Fingerplans kam es so zu den intensivsten Bodenaufkäufen im Westend.

Gentrifizierung und Entvölkerung

Die Immobilienspekulation im Westend nahm im Laufe der späten 1960er Jahre bedenkliche Formen an. Die Zahl der Wohnungen nahm rapide ab, allein im Jahr 1968 ging die Zahl der Wohnräume um mehr als 4.000 zurück. Die Wohnungen wurden seinerzeit überwiegend in Büros umgewandelt bzw. durch Bürobauten ersetzt. Räume für Bürozwecke ließen sich zu deutlich höheren Mieten vermieten als zu Wohnzwecken. Dazu kam die spekulative Aussicht, von den Stadtbehörden die Genehmigung zu einem Neubau mit wesentlich höherer Fläche zu erhalten.

In vielen Häusern wurden Mieter unter Druck gesetzt und regelrecht vertrieben. Die Methoden zur Vertreibung von Mietern waren drastisch. Notwendige Reparaturen wurden bewusst unterlassen, bereits entmietete Wohnungen mit so genannten „Gastarbeitern“ belegt. Die katastrophale Überbelegung, bei der in jedem Raum viele Menschen zusammengepfercht waren, führte zur Verwahrlosung der Wohnhäuser. Die sanitären Anlagen reichten nicht aus, Rattenplagen entstanden. Hauseigentümer machten ihre Wohnungen vorsätzlich unbewohnbar: Heizungen fielen plötzlich aus, Rohre brachen und massiver, teilweise nächtlicher Baulärm entnervte die Mieter.

Wenn die Bewohner diesem Druck schließlich nachgaben, wurden zahlreiche bauhistorisch wertvolle Altbauten abgerissen und durch Bürogebäude im Stile der Zeit ersetzt. Vor allem die Bockenheimer Landstraße änderte ihr Bild radikal, vom ehemaligen großbürgerlichen Boulevard blieb praktisch nichts erhalten. Auch in vielen Nebenstraßen erreichten Bauspekulation, Mietervertreibung und Abriss ungeahnte Ausmaße. Innerhalb von vier Jahren halbierte sich die Zahl der Einwohner des Westends auf nur noch 20.000.

Widerstand gegen Spekulation

Aufgrund dieser dramatischen Entwicklungen entwickelte sich im Westend Widerstand. Die Ereignisse im Westend fielen zeitlich in die allgemeine Aufbruchs- und Proteststimmung der 1968er Studentenbewegung und lösten eine Widerstandsbewegung aus, die bis in die Gegenwart reichende Folgen haben sollte, nicht nur für das Frankfurter Westend, sondern auch für das allgemeine Selbstverständnis der Stadtplanung in Deutschland. 

Als eine der ersten Bürgerinitiativen gründeten rund 700 Bürger 1969 die Aktionsgemeinschaft Westend (AGW), die bis heute existiert. Die AGW erklärte als Ziel, sich „für die Erhaltung einer funktionalen, sozialen und architektonischen Mischstruktur im Westend der Stadt Frankfurt einzusetzen.

Frankfurter Häuserkampf - Friedliche Demonstration in Frankfurt 1974 gegen Wohnraumzerstörung

Erste Hausbesetzungen in Deutschland

Angesichts der zahlreichen trotz Wohnungsnot leerstehenden Häuser kam es im Herbst 1970 zu den ersten Hausbesetzungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Zahlreiche weitere Hausbesetzungen folgten und schwappten später auch auf andere westdeutsche Großstädte über. Im Herbst 1971 beschloss die Stadtverwaltung auf Druck der Grundstückseigentümer, keine weiteren Hausbesetzungen zu dulden. Bei der polizeilich durchgesetzten Räumung des besetzten Hauses Grüneburgweg 113 kam es zur ersten von zahlreichen Straßenschlachten von Aktivisten mit der Polizei im Westend.

Eine am 5. Januar 1971 nach einer Forderung der Stadtverordnetenversammlung erlassene Veränderungssperre zur Vorbereitung eines Bebauungsplans sowie die 1972 erlassene Hessische Verordnung gegen Wohnraumzweckentfremdung führten zunächst zur Beendigung der unbegrenzten Grundstücksspekulation im Westend.

BILD Frankfurt - Blutige Straßenschlacht in der Frankfurter City

Ende des Protests

Das letzte besetzte Haus im Frankfurter Westend, die seit 1971 besetzte Siesmayerstraße 6, wurde 1986 an den neuen Eigentümer, die Deutsche Bank, übergeben. Die Hausbesetzer hatten den geplanten Abriss verhindert und erreicht, dass die dreigeschossige Gründerzeitvilla unter Denkmalschutz gestellt wurde.

In der Stadtplanung ersetzten im Laufe der späten siebziger und frühen achtziger Jahre Modelle unter Bürgerbeteiligung das gescheiterte technokratische und von einer Unfehlbarkeit des Planers ausgehende Planungsverständnis. Auch die gewachsene Wertschätzung historischer Bausubstanz kam ab Mitte der 1970er Jahre durch den gesetzlich gestärkten Denkmalschutz zum Ausdruck.

Der Hochhausbau in Frankfurt verlagerte sich aus dem Westend auf die großen Achsen der westlichen City wie die Mainzer Landstraße und die Friedrich-Ebert-Anlage. Seit der Präsentation vom Rahmenplan Bankenviertel im Jahre 1990 entstanden Hochhäuser vor allem im Bankenviertel beiderseits der Neuen Mainzer Straße. Die Stadtsilhouette von Frankfurt wurde daraufhin durch Pulkbildung immer dichter. Ab den 1990er Jahren wurde außerdem mehr Wert auf eine anspruchsvollere Architektur gelegt

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