Westend Frankfurt Wohnviertel 1971

Westendplan

„Lassen Sie sich nicht einfach aus Ihrer Wohnung verdrängen“

„Nichts gegen die seriösen Hauseigentümer. Es gibt aber auch Grundeigentümer -und gerade im Westend – die mit oft nicht ganz einwandfreien Methoden Mieter aus ihren Wohnungen drängen wollen. Sie haben ein Haus nach dem anderen aufgekauft. Und wollen diese Häuser nun räumen und abreißen lassen und dann einen großen neuen Block an die Stelle der alten Bauten setzen. Dabei gehen sie oft nicht immer zimperlich vor. Lassen Sie sich nicht gleich ins Bockshorn jagen. Die Stadt Frankfurt am Main hat eine Mietberatungsstelle geschaffen. Vielen Frankfurter Bürgern wurde hier bereits geholfen. Erkundigen auch Sie sich dort, bevor Sie auf ein Recht verzichten. Bevor Sie sich einfach aus Ihrer Wohnung verdrängen lassen.“

Der Aufruf der Stadt Frankfurt im Begleittext zum „Strukturplan Westend“. Am 28. Januar 1971 beschließt die Stadtverordnetenversammlung die Konzeption für die bauliche Entwicklung des Frankfurter Westends, den „Strukturplan Westend“. Vorausgegangen war ein begrenzter Baustopp und ein Hearing mit der „Aktionsgemeinschaft Westend“, dem Städtebaubeirat des Stadtplanungsamtes, dem Haus- und Grundbesitzerverein und geladenen Interessenten. Der Westend-Plan versucht bewußt ein Ende zu setzen mit der verstärkt eingeleiteten Spekulationswelle und Bauwut im Westend (dem „City-Ergänzungsgebiet“) und wirtschaftspolitisch dem Investitionswillen eindeutige Bereich zuzuordnen. Einige Ziele:

„Das Planungsziel soll sein, im Westend eine ausgewogene bauliche und soziale Struktur dieses Stadtteils zu erreichen und eine Mischstruktur von Wohnen und Arbeiten auf die Dauer zu sichern.“ (….) „Erhaltung und Anhebung des Anteils der Wohnbevölkerung, wobei die derzeitige Zahl der Einwohner als unterste Grenze angesehen wird.

  • – Sicherung einer sozialen Mischung der Wohnbevölkerung.
  • – Ausweisung von klar begrenzten Bereichen (Verdichtungsgebiete) für Wirtschaftsunternehmen.
  • – Erhaltung und Integration charakteristischer und wertvoller alter Bausubstanz im Sinne der Denkmals- und Stadtbildpflege.
  • – Erhaltung und Schaffung von Grünflächen und besondere Berücksichtigung des alten Baumbestandes.“

Das Westend wird im wesentlichen in drei Bereiche gegliedert, in denen Verfahrensgrundsätze dieser Zielvorstellungen durchgesetzt werden sollen.

1.) Das Bürogebiet entlang der Bockenheimer Landstraße, Mainzer Landstraße, Friedrich-Ebert-Anlage, Senckenberganlage – ein Kranz um das Westend südlich der Bockenheimer Landstraße. Dieser Kranz gilt als Verdichtungszone, in der Hochhäuser errichtet werden können. Zwischen den Gebäuden „sollen genügend große, begrünte und baumbestandene Freiflächen entstehen“, „eine GFZ 3.o – 5.o ist erreichbar“ bei einer maximalen Bebauung von 5o% des Grundstücks. Die Höhe der Gebäude ergibt sich daraus. Die Erdgeschosse sollen weitgehend freigehalten werden. Alles Ziele noch aus dem Konzept der „Auflockerung + Verdichtung“. Sollte Wohnraum umgenutzt werden, ist Ersatzwohnraum „dringlich durch Eintragung einer beschränkt persönlichen Dienstbarkeit zugunsten der Stadt Frankfurt zu sichern.“

2.) Das Übergangsgebiet im Anschluß an das Bürogebiet, als Übergang zum Wohngebiet.

Hier ist eine Nutzungsmischung von 50 % Büros und 50 % Wohnen angestrebt, bei einer Höhenbegrenzung der Gebäude von 8 Geschossen. Ansonsten gelten alle Regeln des Bürogebietes.

3.) Das Wohngebiet der Bereich nördlich der Bockenheimer Landstraße bis zum Grüneburgpark und südlich der Bockenheimer Landstraße im Herzen des Büro-Kranzes.

Hier sind nur Wohnungen vorgesehen. Bei einer maximalen 40 %- Bebauung des Grundstücks werden in der Regel 8 Geschosse in besonders ausgewiesenen Gebieten bis 12 Geschosse zugelassen.

In der Folgezeit wurden auch für die anderen Bereiche der Stadt, die unter dem Einfluß des Fingerplans standen, Stadtteilpläne erstellt. Sie erlangten aber weder Rechtskraft noch die Bedeutung des Westend-Planes. Zum ersten Mal in Deutschland wurde eine Stadt gezwungen aufgrund von aktivem Bürgerwillen (u.a. Aktionsgemeinschaft Westend) ihre ursprünglichen Wachstumspläne erheblich zu modifizieren und Einzelbebauungspläne zur Sicherung eines status-quo mit einer Bürger-initiative abzustimmen. Neue Hochhäuser, die die Silhouette Frankfurts bestimmen, wurden in der Folgezeit nicht mehr geplant, sondern nur noch Planungen umgesetzt und ausgeführt, die vor dem Westend-Plan in Gang gesetzt wurden. Der Westend-Plan hatte Signalcharakter.