Sanierung gescheitert. Bundesbank zieht in die Innenstadt und verkauft Hochhaus an Europäische Schule
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- Redaktion
Die Deutsche Bundesbank verlässt ihren Zentralsitz in Frankfurt-Bockenheim und zieht in die Innenstadt um. Das frei werdende Gelände inklusive des markanten Hochhauses geht an die Europäische Schule Frankfurt, die unter akutem Platzmangel leidet.
Die Entscheidung der Bundesbank markiert eine Zäsur für Frankfurts Bankenstadt: Die milliardenschweren Umbaupläne für die historische Zentrale in Bockenheim sind endgültig passé. Der Vorstand der Bundesbank hat letzte Woche den Umzug bestätigt und eine Rückkehr an die Wilhelm-Epstein-Straße ausgeschlossen, wo unter anderem Hunderte Tonnen deutscher Goldreserven in Tresoren lagern.
Der Vorstand hat damit den Plan einer Komplettsanierung des 1965 bis 1972 nach Plänen des renommierten Frankfurter Büros ABB errichtete Großbaukörper zugunsten eines Neukaufs in der Innenstadt verworfen. Die genaue neue Adresse bleibt offen, doch innerhalb von 18 Monaten soll ein Mietvertrag auslaufen, so das die Suche der Bank nach einer passenden Neubaulösung drängt.
Neues Zuhause für die Europäische Schule
Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef und EZB-Präsidentin Christine Lagarde feierten diese Entscheidung als Durchbruch gegen den jahrelangen Platzmangel der Europäischen Schule. Der Bau der Schule soll in diesem Jahrzehnt starten und in vier bis sechs Jahren fertig sein. Die Stadt Frankfurt plant, das Areal für einen dreistelligen Millionenbetrag zu erwerben. Die Schule, die vor allem EZB-Kinder unterrichtet, braucht dringend Platz für über 2.500 Schüler, denn seit 15 Jahren ist sie in der zu kleinen Niederursel-Unterkunft untergebracht. Das Gebäude ist umbaufähig für eine Schule, Wohnungen und Büros“, so Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD). All dies muss untersucht und geklärt werden, bevor voraussichtlich im nächsten Jahr ein Wettbewerb für das Projekt ausgeschrieben werden kann.
Ursprünglicher Sanierungsplan
Seit 1972 beherbergte das Bundesbank-Hochhaus an der Wilhelm-Epstein-Straße rund 2.000 Mitarbeiter auf einem Hektar Grundstück. Die ursprünglichen Sanierungspläne der Bundesbank („Projekt Campus“) sahen ab ca. 2016 einen ambitionierten Neubau-Komplex mit mehreren Hochhäusern, Kindertagesstätte, Sportzentrum und Gastronomie vor – für rund 5.000 Arbeitsplätze bis in die 2030er-Jahre bei geschätzten Kosten von 4,6 Milliarden Euro. Aufgrund explodierender Baukosten, Homeoffice (über 60%) und Denkmalschutz wurde der Plan 2023 auf ein einziges Bürogebäude reduziert, später dann auf die Sanierung des Hauptgebäudes (1,6 Milliarden Euro).

Der Siegerentwurf des Wettbewerbs von 2019 von Ferdinand Heide
Ferdinand Heide Architekten gewann 2018 den städtebaulichen Masterplan-Wettbewerb für den Bundesbank-Campus mit einem Konzept aus drei Hochhausscheiben, die das Hauptgebäude ergänzen und großzügige Freiflächen schaffen – dies bildete den Rahmen für den späteren Architektenwettbewerb, den 2020 Morger Partner gewann.
Die Sanierungsarbeiten begannen Ende 2021 und bisher wurden Asbest und PCBs entfernt, elf Stockwerke entkernt und flexibel umgestaltet, die Fassade erneuert sowie die Energieeffizienz gesteigert. Das Brutalismus-Gebäude steht weitgehend leer und die rund 6.000 Mitarbeiter der Bundesbank-Zentrale in Frankfurt sind seit Jahren während der Sanierung des Bockenheimer Hochhauses auf mehrere Übergangsstandorte verteilt. Viele arbeiten seit wenigen Wochen im neu sanierten Galileo-Tower in der Innenstadt sowie im Trianon-Gebäude (ehemalige Deka-Zentrale), weitere nutzen kleinere Ausweichquartiere oder die Hauptverwaltung Hessen.
Rund 168 Millionen Euro flossen bereits in den Architekturwettbewerb, Schadstoffsanierung und Vorleistungen – diese Investitionen mindern den Verkaufspreis nicht und erhöhen den Wert für die Schule. Ohne Umzug wären weitere 1,6 Milliarden Euro für Hauptgebäude und Liegenschaften nötig gewesen.
Denkmalschutz schützt vor Abriss
Seit 2022 ist das Hochhaus Kulturdenkmal ersten Ranges, da es eines der herausragendsten Beispiele der Spätmoderne und des Brutalismus in Deutschland darstellt. Es verkörpert die Nachkriegsarchitektur mit rohem Sichtbeton, klarer geometrischer Strenge und funktionaler Monumentalität, inspiriert von Le Corbusier. Daher sind der Abriss oder starke Veränderungen sind unmöglich und die Denkmalschutzbehörde verlangt, dass die markante Außenfassade des Hochhauses unverändert bleibt. Besonders geschützt sind die Vorstandsetage im 12. und die Konferenzräume im 13. Stock sowie die luxuriöse Marmorverkleidung der Wände. Ebenfalls zu erhalten sind die wegweisenden Klimaleuchten aus der Bauzeit, die revolutionär Licht und kalte Luft zugleich spendeten.
Inspiriert von Le Corbusier
Entworfen wurde das Gebäude vom Büro ABB (Otto Apel, Hannsgeorg Beckert und Gilbert Becker), einem Frankfurter Büro, das in den 1960er- und 1970er-Jahren mit brutalistischen Gebäuden die Bankenstadt prägte. Zu den Highlights zählen neben der Bundesbank-Zentrale das InterContinental Hotel (1963), die Hochhäuser der Dresdner Bank und Landesbank Hessen-Thüringen sowie die Städtischen Bühnen. Das Büro löste sich nach dem Tod der Gründer in den 1980er/90er-Jahren auf. Die Architekten ließen sich von Le Corbusier inspirieren, dem Begründer des Brutalismus durch seine Vorliebe für unverspielte Betonoberflächen. Das InterContinental-Hotel am Frankfurter Mainufer steht nach Jahren des Leerstands aktuell vor einer umfassenden Sanierung durch die Eigentümerin Aroundtown-Gruppe, die es innerhalb von zwei Jahren wieder als modernes Hotel eröffnen will.
Goldreserven auf dem Gelände
Die Goldreserven der Bundesbank verbleiben auch nach dem Umzug in den gesonderten Tresor-Anlagen auf dem Bockenheimer Gelände, auch wenn dort die Europäische Schule einzieht. Der Umzug der Bundesbank betrifft ausschließlich die administrativen Bereiche im Hochhaus, während die massiven Goldtresore tief im Boden untergebracht und seit Jahrzehnten getrennt vom Bürotrakt sind. Frankfurt ist mit rund 1.710 Tonnen Gold – mehr als der Hälfte der gesamten Bundesbank-Reserven von 3.381 Tonnen – die größte Lagerstätte Deutschlands. Das übertrifft sogar New York (ca. 1.236 Tonnen) und London (438 Tonnen).
So endet eine Ära des gescheiterten „Campus“-Traums in Bockenheim: Die Bundesbank verabschiedet sich von milliardenschweren Sanierungsplänen, die durch explodierende Kosten, Homeoffice-Realitäten und Denkmalschutz zum Fiasko wurden. Stattdessen winkt eine schlanke Zukunft in Frankfurts Innenstadt – in modernen Neubauten oder kernsanierten Bestandsimmobilien, zentral gelegen. Und der Umzug der Bundesbank verdichtet weiter das Bankenviertel in Frankfurt und bietet endlich eine langfristige Lösung für die Europäische Schule.






















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