Canary Wharf Hochhäuser Brexit London Frankfurt

Ein Frankfurter zu Besuch in London, Hochhäuser und der Brexit.

Der Skyline Atlas begibt sich auf Spurensuche in Sachen Brexit und Stadtentwicklung. Ein Vor-Ort-Besuch in London bei einem Mitarbeiter von J.P. Morgan.

Es ist ein Samstag Morgen. Ich steige um 7.15 Uhr in die British Airways Maschine von Frankfurt nach London. Doch ich lande diesmal nicht im westlich gelegenen Heathrow, sondern mitten in der Stadt – auf dem City Airport. Nach etwas mehr als einer Stunde Flug bin ich angekommen. Es ist erst 7.25 Uhr denn mir hat die neue Zeitzone eine Stunde geschenkt.

Ich habe kein Gepäck, laufe aus dem Terminal, steige in die DLR (Docklands Light Railway) und bin weitere 10 Minuten später in den Docklands und der dazugehörigen Canary Wharf, einem der Entwicklungsgebiete hier in London. Mein Blick schweift über die vielen bekannten Türme und ich sehe den Hochhausturm One Canada Square mit seiner pyramidenartigen Gebäudespitze, sowie Hochhäuser mit den Logos von HSBC, Citi, J.P. Morgan sowie Barclays. So weit, so gut.

Dann besuche ich Paul. Paul ist 35 Jahre alt, wohnt seit 7 Jahren hier in London und arbeitet für die Investmentbank J.P. Morgan in der Canary Wharf. Er ist vor einigen Monaten hier in die Docklands umgezogen aus einem von hier 15 Minuten entfernten Gebiet. Ich stehe vor dem Haus in dem Paul wohnt und schaue nach oben. Das sind locker 25 Geschosse und es sieht alles neu aus denke ich mir. Dann tippe ich seine Apartment-Nummer in das Klingeltableau ein. Die Tür geht auf, der Doorman begrüßt mich freundlich und ich fahre mit dem Aufzug in eine der obersten Etagen.

Paul öffnet freundlich die Tür und fällt mir in die Arme. Wir kennen uns seit mehr als 10 Jahren, als er noch gar nicht in London wohnte. Ich betrete sein Designer-Apartment und schaue mich um. Nirgendwo Ikea, beste Ausstattung, es wirkt hier vieles wie aus einem Katalog und alles ist nagelneu. Dann schreite ich zur Fensterfront und schaue nach draußen.

Vor mir liegt jetzt Canary Wharf zu Füßen – er hat von hier aus den perfekten Überblick. Ich bin Hochhäuser in Frankfurt gewöhnt und dachte bisher eigentlich immer, dass Frankfurt diesbezüglich ganz gut abschneidet in Europa. Doch jetzt fällt mir auf, wie massiv doch die Bauten in Canary Wharf eigentlich sind: die meisten der Bürogebäude haben mindestens die doppelte oder gar dreifache Tiefe von Hochhäusern in Deutschland. Hier in Großbritannien gibt es laxere Arbeitsvorschriften – die Tiefe von Hochhäuser erzwingt keine schmale Kubatur. Und so wirken die dicht aneinander stehenden Bauten nicht nur eindrucksvoll, sondern bedrohlich zugleich. Ein Eindruck, der sich später noch verstärken sollte.

Canary Wharf Bürogebiet Wolkenkratzer Brexit
Wolkenkratzer Krähne Bauen London
Docklands Luxusapartments Bauen

Paul erzählt mir, dass er sein Apartment nicht gemietet hat sondern jetzt dessen Eigentümer ist. Mieten wäre unverschämt teuer. Für eine Wohnung seiner Größe würden hier locker 3.000 Pfund Nettomiete fällig, pro Monat wohlgemerkt, zuzüglich Servicegebühr von 200 Pfund für den Portier und das Fitness-Studio. Dann schaue ich durch die Gegend und mir fällt vor allem eins auf: Kräne. Überall Kräne. Am Horizont, hinter der Autobahn, über der Straße, in jeder Richtung. London boomt, daran gibt es keinen Zweifel.

Paul klärt mich auf. „What you see are residential towers going up everywhere. This is a new trend here since just a few years.“ Paul erklärt mir, dass nicht einmal 500 Meter entfernt gleich acht Wohnhochhäuser emporwachsen. Alle haben mindestens 50 Geschosse, einige kratzen gar an der 70. „This is nothing. I will show you around a little bit later.“ sagt er zu mir und ich beginne zu begreifen, dass London gerade anders ist als andere Städte hierzulande.

Nach etwas Smalltalk machen wir uns auf den Weg. Keine 10 Minuten später stehen wir mitten in Canary Wharf, diesem etablierten Bürogebiet. Von hier aus ist die City von London rund eine halbe Metrostunde entfernt. Zwischen den Betonmonstern (anders kann man die Gebäudemassen dicht an dicht hier nicht nennen) verschwinden die Menschen und sehen aus wie klitzekleine Ameisen. Ich fühle mich mulmig und frage mich, warum so viele Menschen in dieser Tristesse arbeiten. Wir biegen um die Ecke und stehen vor dem Hochhaus der EMA, die ich bis vor einigen Monaten gar nicht kannte und erst seit dem Brexit durch die Presse den meisten Menschen bekannt wurde. Die EMA (European Medical Agency) ist eine der Agenturen der europäischen Union, die gemeinsam mit der EBA (European Banking Authority) demnächst Canary Wharf in Richtung Festland verlassen müssen. Mein Blick gleitet nach rechts und ich sehe plötzlich nur noch Baustellen. Hier ein Wolkenkratzer, dort ein Hochhaus, hier wird einfach nur gebaut. „Again, all these skyscrapers will contain apartments.“ „Diese Türme sind locker 150 Meter hoch, wenn nicht noch höher“ denke ich mir nur. Ich mache Fotos, und weiß gar nicht genau was ich zuerst fotografieren soll. Dann fange ich an zu zählen aber nach einiger Zeit merke ich, dass es fast unmöglich ist. Es müssen mehrere Dutzend Wohnhochhäuser sein, die entweder gerade fertig gestellt wurden oder eben gebaut werden – einfach nur an diesem Mikrostandort in London direkt neben Canary Wharf.

„There is a lot of money in the market. Most of the apartments are sold to foreign investors.“, sagt Paul. Nicht alle Wohnungen sind belegt. Vielleicht ist das nur ein Zufall oder den hohen Preisen geschuldet. Oder aber es finden sich keine Mieter. Wie dem auch sei, dem Bauboom tut das hier keinen Abbruch. Zumindest zurzeit.

Canary Wharf Expansion Baustelle

London erlebt im Augenblick einen Bauboom Sondergleichen. Mehr als 150 Hochhäuser befinden sich im gesamten Stadtgebiet im Bau. Ich möchte von Paul wissen, was er vom Brexit denkt. Paul ist gebürtiger Pole und sein Gesichtsausdruck verrät jetzt alles. „I still cannot believe it. Nobody here does. We are hoping that this is a big mistake and it can be reverted.“, rutscht aus ihm heraus. Paul erklärt, dass er mit seinem Job bei der amerikanischen Großbank sehr zufrieden ist. Er würde ungern hier weg. Sollte J.P. Morgan ihm eine andere Stadt ans Herz legen wäre er dafür natürlich offen. Einige seiner Kollegen aus Europa hätten sich schon mental verabschiedet. Die ungewisse Aufenthaltslage für ihn selbst verdrängt er bis jetzt.

Dann laufen wir weiter durch die Docklands und landen im schicken, gerade erst eröffneten Novotel-Turm. Wir fahren in die 38. Etage und die Aufzugstüren öffnen sich. Das Wummern von dezenter Housemusik empfängt uns und wir betreten die Aussichtsetage mit Loungecharakter. Hipster, Besserverdienende und Touristen vermischen sich hier. Das fühlt sich nicht an wie die x-te Bar, sondern hier wird der Aufenthalt zelebriert. Wir treten an die raumhohen Glasfassaden und schauen über die Stadt. Kräne. Überall Kräne für neue Hochhäuser. Ich mache wieder Fotos und wir wollen uns setzen. Doch kein Tisch ist frei. „Sorry, all tables are reserved.“ hören wir. Komisch, denn es ist Samstag Nachmittag, kurz nach 16 Uhr. Wir sehen eine Treppe, schlendern diese hoch. Jetzt klingt die Musik elektronischer – ist aber immer noch dezent. Dies ist der durchdesignte Restaurantbereich und auch hier fühlt man sich sofort angekommen und auch hier möchte man bleiben. Ein Pärchen steht auf und wir haben unseren Tisch am Fenster.

In der Ferne sieht man die City, erkennbar an seinen unverkennbaren Landmarkgebäuden wie „The Shard“ oder „die Gurke“. Erst jetzt fällt bei mir der Groschen. London ist nicht einfach nur eine Großstadt wie Berlin oder Madrid. London ist der Schmelztiegel zurzeit, ein „Place to be“. Doch die ganze Bauwut hat auch ihre Schattenseiten. Ich vermisse im Londoner Stadtbild viele Bäume und Natur, ich meine keine vereinzelten Bäume hier und da sondern Parkanlagen, die sich in deutschen Städten wie selbstverständlich zentrumsnah befinden. Dann denke ich an meine Heimatstadt Frankfurt zurück und in diesem Moment freue mich richtig, bald wieder daheim zu sein. Unsere Städte sind zwar überschaubarer aber haben eben eine andere Lebensqualität.

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