MHP - Hotel - AG - Stiftstraße

Zwischen Aufbruch und Stillstand: Die Stiftstraße verändert sich

In der Frankfurter Stiftstraße kommen gerade mehrere Themen zusammen und es bewegt sich endlich was: die Revitalisierung eines Gebäudes zu einem Hotel beginnt nach jahreslangem Stillstand, ein Plan für ein Wohnhaus könnte Realität werden, gleichzeitig verfällt ein städtisches Haus, und eine Musikschule und eine Polizeiwache entstehen.

Das Hochhaus „The Edge“ an der Ecke Stiftstraße/Katzenpforte wird nicht gebaut. Laut Hochhausentwicklungsplan 2024 hätte dort ein rund 60 Meter hoher Wohnturm entstehen können. Der Projektentwickler Rock Capital Group aus Grünwald bei München baut stattdessen das Bürogebäude Stiftstraße 30 zu einem Hotel um – nach fast zehn Jahren Stillstand. Früher war in dem Eckhaus an der Katzenpforte eine Servicestelle der Mainova. Das Bestandsgebäude wird umfassend saniert und um zwei Etagen aufgestockt. Die Planung übernimmt das Frankfurter Büro TLBS und der Betreiber ist die MHP Hotel AG mit ihrer Hotelmarke „Mooons“. Das Hotel soll mehr als 200 Zimmer haben und 2029 eröffnen. Geplant ist ein Boutique- und Lifestyle-Hotel mit Fitnessbereich und einer öffentlich zugänglichen Bar. MHP spricht von einer Revitalisierung des Gebäudebestands. In diesem Rahmen ist eine Aufstockung um zwei auf dann sieben Etagen vorgesehen. Die Marke Mooons gibt es bisher nur in Wien, Frankfurt ist ihr erster Standort in Deutschland. Den langfristigen Pachtvertrag hat die Hotelgesellschaft bereits unterschrieben. Damit sind die Pläne für ein Wohnhochhaus an dieser Stelle endgültig verworfen.

Peter G. Neumann,  der geschäftsführender Gesellschafter der Rock Capital Group, sagte der Frankfurter Rundschau, das Unternehmen habe viel Zeit in die Planung des Wohnturms gesteckt. Zwei Dinge hätten den Bau aber unwirtschaftlich gemacht: die Vorgaben des Frankfurter Baulandbeschlusses und Probleme mit einem Nachbarn. Das bestehende Gebäude weiterzunutzen, sei außerdem nachhaltiger als ein Neubau.

Die Stadt sieht die Schuld nicht bei sich. Das Planungsdezernat von Marcus Gwechenberger (SPD) erklärt, die Gespräche über das Wohnhochhaus seien noch nach den alten Förderrichtlinien gelaufen. Diese hätten sich wegen hoher Baukosten und Zinsen kaum noch gelohnt. Mit den neuen Richtlinien lasse sich ein Wohnturm wirtschaftlich bauen, das zeige das Projekt „GA8“ an der Gallusanlage. Nach Einschätzung des Dezernats haben eher andere Gründe das Hotel begünstigt: die hohen Nebenkosten fürs Wohnen im Hochhaus und die Lage auf dem Markt. Mit dem Hotel kann die Stadt aber gut leben. Es werte den Ort aus dem Bestand heraus auf. Zusammen mit den geplanten Wohnungen in der Nachbarschaft ergebe sich eine „gute und ergänzende Nutzungsmischung“.

An der Stiftstraße / Ecke Katzenpforte entsteht ein Hotel

Wird hier bald das Hochhaus „Highlines“ mit 600 Wohnungen gebaut?

Zweites Hochhaus „Highlines“ mit 600 Wohnungen

Ob die geplante 600 Wohnungen in dem zweiten geplanten Hochhaus tatsächlich kommen, ist noch offen. Das Grundstück Stiftstraße 19–27 gegenüber liegt seit Jahren brach. Dort plant ebenfalls seit Jahren Rock Capital das Hochhausprojekt „Highlines“ mit rund 600 Wohnungen. Laut Peter G. Neumann wird der Bauantrag gerade von der Stadt bearbeitet und ist „in der finalen Phase“. Das Unternehmen warte auf die Baugenehmigung. Als Zwischennutzung war zeitweise ein inklusiver Spielplatz im Gespräch. Ob dieser Komplex je gebaut wird, ist seit Jahren fraglich.

Stiftstraße 32: Die Stadt lässt ihr eigenes Haus verfallen

Die Planungen für den Umzug sind weit fortgeschritten; die Umsetzung hängt nun von einer politischen Mehrheit im Magistrat ab. Die Blockade durch Grüne und Volt besteht weiterhin; und die SPD steht geschlossen hinter dem Vorhaben. Das Revisions- und Rechtsamt unterstützen die Skepsis mit formalen Bedenken, sodass Weber zeitweise keine Mehrheit für ihr Projekt hatte. Die CDU hat hingegen ihre grundsätzliche Zustimmung signalisiert, auch wenn sie Bedenken äußert. Im Koalitionsvertrag ist eigentlich ein Ankauf der Liegenschaft vorgesehen, wofür aber rund 600 Millionen Euro nötig wären – ein Betrag, der aktuell nicht bewilligt ist. Weber versucht nun, die Grünen mit einer detaillierten Wirtschaftlichkeitsvergleichsrechnung zu überzeugen und betont den Zeitdruck, da ein Bezug im Gallus bereits 2028 möglich wäre, während die Postbank-Alternative erst vier Jahre später realisierbar sei. Ob und wann die Schule tatsächlich ins Gallus ziehen kann, bleibt also weiter offen.

Direkt nebenan gibt es ein Problem, für das allein die Stadt verantwortlich ist. Das Wohn- und Geschäftshaus Stiftstraße 32 gehört der Stadt und steht größtenteils leer. Vor vier Jahren haben die Stadtverordneten beschlossen, es nicht an einen Investor zu verkaufen, sondern über ein Konzeptverfahren zu vergeben. Den Zuschlag soll also nicht das höchste Gebot bekommen, sondern das überzeugendste Konzept. Passiert ist seitdem nichts. Das Baudezernat von Sylvia Weber (SPD) teilt der Presse mit, die nötigen Kapazitäten seien „noch nicht vorhanden“ und „derzeit anderweitig gebunden“. Geprüft wird bisher nur, ob Teile des Hauses zeitweise zwischengenutzt werden können.

Eigentlich sollte schon 2024 mit dem Um- oder Neubau begonnen werden, so die Ankündigung der Stadt im März 2022. Eine frühere Vorlage des Magistrats von 2021 fand keine Mehrheit. Diese sah einen sechs- bis siebengeschossigen Neubau im Erbbaurecht vor, mit 30 Prozent geförderten Wohnungen und Kultur im Erdgeschoss.

Die Linke im Römer kritisiert das scharf. Ihre Fraktionschefin Dominike Pauli nennt es „politisch völlig verantwortungslos“, dass das Haus „mit jedem Tag weiter verfällt“. Die Linke fordert, es schnell an einen sozialen Träger zu vergeben. Schon Ende 2024 hatte auch die CDU den Verfall ein „sichtbares Zeichen für die Misswirtschaft der Stadt“ genannt. Dabei ist das Haus kein Einzelfall. Von den rund 1.000 städtischen Mietwohnungen in Wohn- und Geschäftshäusern stehen laut der Frankfurter Rundschau etwa 100 leer.

Seit Jahren Leerstand in der Stiftstraße 30

In der Stiftstraße 8-10 entsteht die Frankfurter Musikschule

Die Musikschule kommt in den „Sinkkasten“

Am anderen Ende der Straße gibt es dagegen gute Nachrichten. Anfang 2027 zieht die Musikschule Frankfurt mit rund 6.500 Schülerinnen und Schülern in das Haus Stiftstraße 8–10 an der Zeil. Das Gebäude hat eine lange Musikgeschichte. In den 1950er- und 1960er-Jahren spielten dort im Jazzclub „Storyville“ Louis Armstrong, Nina Simone und Etta James. Später folgten der „Sinkkasten“ und der „Zoom“. Mit rund 3500 Quadratmetern belegt die Musikschule den Großteil des etwa 5400 Quadratmeter umfassenden Gebäudeensembles an der Stiftstraße 8 bis 10 und der Brönnerstraße 5. Auf der restlichen Fläche sind Büro- und Einzelhandelsnutzungen geplant. Beim Umbau soll auf die Geschichte Rücksicht genommen werden: Nicht nur die Natursteinfassade steht unter Denkmalschutz, sondern auch zwei der drei Treppenhäuser.  Die Stadt beteiligt sich mit 8,35 Millionen Euro am Umbau. Nach Kritik von CDU und FDP wurde der Mietvertrag von 30 auf 20 Jahre verkürzt, mit der Option, ihn zweimal um fünf Jahre zu verlängern. Bildungsdezernentin Sylvia Weber hofft, dass die Musikschule einen Teil der Innenstadt belebt, der „durch Bürokomplexe und leerstehende Häuser“ immer mehr an Ansehen verliere.

Auch die Stadtpolizei eröffnet in der Stiftstraße

Auch die Frankfurter Stadtpolizei bekommt in der Stiftstraße eine neue Wache. Auf 346 Quadratmetern nahe der Zeil sollen die Mitarbeiter des Ordnungsamts voraussichtlich ab Ende Oktober ihren Dienst beginnen. Eine große Glasfront soll die Wache offen und transparent wirken lassen. Der Eingangsbereich wird barrierefrei, die Straße wird begrünt, und für Polizeifahrzeuge sind fünf Stellplätze vorgesehen. Ordnungsdezernentin Annette Rinn hatte dreieinhalb Jahre nach einer geeigneten Immobilie gesucht. Die bisherigen Räume in der B-Ebene der Hauptwache waren zu dunkel und seien schlecht belüftet und könnten nicht mehr genutzt werden. Die Suche sei auch wegen der hohen Mieten rund um die Zeil schwierig gewesen.

Auf wenigen hundert Metern zeigt die Stiftstraße wie unter einem Brennglas, wo die Frankfurter Innenstadt steht. Wohnhochhäuser rechnen sich für Investoren offenbar nur schwer. Die Stadt findet für ihr eigenes Gebäude keine neue Nutzung. Und die Kultur soll die Lücken füllen, die dabei entstehen.

Gleichzeitig steckt in diesem Straßenzug eine große Chance: In bester Innenstadtlage könnte hier ein lebendiges neues Quartier entstehen. Ob das gelingt, hängt vor allem an drei Fragen. Wird die Baugenehmigung für die „Highlines“ erteilt? Entscheidet die Stadt endlich, wie es mit dem verfallenen Gebäude in der Stiftstraße 32 weitergeht, und setzt sie diese Entscheidung auch um? Und entsteht an diesem innerstädtischen Ort ein gemischt genutzter Raum mit Wohnungen, Musikschule und einem Hotel, der auch zum Verweilen einlädt, vielleicht sogar als kleine grüne Oase mitten in der Stadt?

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