Schulzentrum - Lateral - Towers - Bockenheim

Frankfurts Schulbau im Wandel

Frankfurt steht beim Schulbau vor einem strukturellen Dilemma: Die Stadt wächst, gleichzeitig sind innerstädtische Grundstücke knapp und teuer. Die Schulbauoffensive bündelt deshalb insgesamt 228 Maßnahmen für Schulen, Mensen und Sport. Diese umfassen u. a. 30 priorisierte Projekte, darunter 16 Neubauten sowie 14 Sanierungs- bzw. Umnutzungsmaßnahmen. Bis 2029 sollen rund 19.820 zusätzliche Schulplätze geschaffen werden. Der städtische Bestand rückt dabei als Ressource in den Fokus. In diesem Zusammenhang stellen die neuen Leitlinien zum wirtschaftlichen Bauen 2026 die Erhaltung hochwertiger Gebäude, nachhaltige Planung und die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer in den Mittelpunkt. Ferner sollen die Qualitätsanforderungen, die bislang vor allem für Neubauten galten, auf bestehende Schulgebäude übertragen werden. Ganztag, Inklusion, Jugendhilfe, Lernlandschaften und Gemeinschaftsbereiche sollen also nicht länger als Sonderlösung im Altbau betrachtet werden, sondern als reguläre Anforderungen an die Weiterentwicklung des Bestands. Damit wird Bestand nicht mehr nur als Sanierungsfall betrachtet, sondern als Ausgangspunkt für neue Bildungsarchitektur.

Die Lateral Towers

Am deutlichsten wird dieser Wandel an den Lateral Towers in Bockenheim. Im September 2026 wurde der Umbau des ehemaligen Börsenstandorts vollständig abgeschlossen. Auf rund 46.000 Quadratmetern Bestandsfläche arbeiten nun drei Schulen: das Stadtgymnasium Frankfurt, das Margot-Friedländer-Gymnasium und – vorübergehend während ihrer Sanierung – die Julius-Leber-Schule. Der Bestand wurde tiefgreifend transformiert, indem die ursprünglichen Bürostrukturen hinsichtlich Erschließung, Brandschutz, Grundrissen und Nutzungsverteilung prägend modifiziert wurden. Zwei neue außenliegende Treppenhäuser wurden ergänzt, Räume neu organisiert und etwa 4.570 Quadratmeter offene Lernbereiche geschaffen. Der Außenraum wurde ebenfalls als Lern- und Bewegungsraum weiterentwickelt; hinzu kamen unter anderem grüne Klassenzimmer, Hochbeete, Sportflächen und eine Laufbahn. Die großflächige Verglasung der ehemaligen Büroarchitektur führt allerdings bei sommerlichen Temperaturen zu erheblichen Überhitzungsproblemen. Eltern berichteten gegenüber dem Hessischen Rundfunk, dass Unterricht an heißen Tagen teilweise ab Mittag kaum noch möglich gewesen sei. Eine Klimaanlage aus der früheren Büronutzung ist zwar vorhanden, diese darf aber im Schulbetrieb nicht regulär eingesetzt werden. Stadt und Bildungsdezernat verweisen hier auf die ökologischen und finanziellen Gründe, aus denen Klimatisierung an Schulen grundsätzlich vermieden werden soll.

Anhand der Lateral Towers lässt sich schlussfolgern, dass die Transformation dort besonders gut funktioniert, wo die strukturellen Eigenschaften des Bestands mit den pädagogischen Anforderungen extensiv übereinstimmen. Bei sommerlicher Überhitzung, Akustik, Orientierung, Bewegungsflächen, Außenraumbezug oder der Gleichzeitigkeit vieler Nutzer können die Anforderungen einer Schule aber erheblich über die eines Bürogebäudes hinausgehen.

Frankfurt - Lateral - Towers - Bockenheim - Schule

Gymnasium Süd: Das ehemalige Behördenzentrum als Schulcampus

Ein zweites wichtiges Beispiel ist das ehemalige Verwaltungszentrum an der Seehofstraße in Sachsenhausen, das zum neuen Standort des Gymnasiums Süd umgebaut wird. Die Umgestaltung läuft bereits seit Anfang 2026. Die beiden rund 40 Jahre alten Verwaltungsgebäude werden vollständig entkernt und für rund 1.500 Schülerinnen und Schüler zu einem Schulcampus entwickelt. Die Investitionssumme liegt bei etwa 150 Millionen Euro; vorgesehen sind neben dem Schulgebäude auch eine neue Sporthalle und umfangreiche Anpassungen an der Gebäudehülle. Die alte Waschbetonfassade wird entfernt und durch eine neue Fassade mit größeren Fenstern ersetzt. Die Fertigstellung ist für 2027/28 vorgesehen.

Hier wird eine andere Form der Umnutzung sichtbar als bei den Lateral Towers. Es geht nicht primär darum, einen möglichst schnell verfügbaren Bürokomplex mit relativ geringem Eingriff umzunutzen. Vielmehr wird der Bestand nahezu bis auf die konstruktive Grundstruktur zurückgeführt und anschließend architektonisch neu interpretiert. Die Stadt kann die vorhandene Tragstruktur und Teile der Erschließung dabei weiterverwenden, gleichzeitig aber Fassade, Haustechnik, Grundrisse und pädagogische Räume vollständig neu denken. Eine solche Transformation kann allerdings sehr teuer werden. Mit rund 150 Millionen Euro liegt das Projekt keineswegs in einem Bereich, in dem man Umnutzung pauschal als kostengünstige Alternative zum Neubau bezeichnen könnte. Hinzu kommt, dass das Gymnasium während der Bauzeit aufgeteilt ist und zusätzliche Containerflächen benötigt.

Neues - Gymnasium - Süd - Sachsenhausen
Sachsenhausen - Neues - Gymnasium - Süd
Frankfurt Brutlismus Gebäude - DB Pyramide Frankfurt - DB Frankfurt Hauptverwaltung - Ehemaliger Hauptsitz Deutsche Bahn AG FFM - Architekt Stephan Böhm
Atrium Frankfurt - Deutsche Bahn Pyramide FFM - Glas Eingang - DB Hauptverwaltung Frankfurt

Die ehemalige DB-Zentrale: Umnutzung als politischer Konflikt

Besonders aufschlussreich ist die Entwicklung um die ehemalige Deutsche-Bahn-Zentrale in der Stephensonstraße im Gallus. Hier wollte die Stadt Flächen des denkmalgeschützten Hochhauses für die Berta-Jourdan-Schule nutzen. Vorgesehen war ein größerer Bildungscampus mit Berufsschule, Abendhaupt- und Realschule, Kita und perspektivisch auch einer Stadtteilbibliothek. Die Eigentümerseite wollte das Gebäude entsprechend umbauen; die Inbetriebnahme war ursprünglich für 2027/28 vorgesehen. Im Sommer 2026 eskalierte die Frage allerdings politisch. Bildungsdezernentin Sylvia Weber favorisierte die Anmietung des Bestandsgebäudes, weil dadurch nach ihrer Darstellung ein schnellerer Umzug der Berufsschule möglich wäre. Innerhalb der Grünen gab es dagegen Vorbehalte gegenüber der Anmietung und den Kosten; stattdessen wurde eine städtische Alternative favorisiert, deren Fertigstellung allerdings später erwartet wird. Im September war der geplante Umzug endgültig vom Tisch. Dies zeigt, dass die Umnutzung des Bestands nicht automatisch die ökologisch, wirtschaftlich oder politisch beste Lösung darstellt und sich gegenüber Neubau, Eigenentwicklung und langfristigen Mietkosten behaupten muss.

Insgesamt ist Frankfurts zunehmende Umnutzung von Bestandsgebäuden zu Schulen ökologisch, architektonisch und bildungspolitisch grundsätzlich sinnvoll. Sie spart graue Energie, vermeidet Abriss und Flächenverbrauch und kann dringend benötigte Schulplätze schneller schaffen. Architektonisch zeigt sich jedoch: Ein Bürogebäude ist nicht automatisch eine gute Schule. Entscheidend ist, ob Belichtung, Raumstruktur, Klimaverhalten, Freiräume und pädagogische Anforderungen zusammenpassen. Bildungspolitisch bietet die Umnutzung vor allem Vorteile durch Geschwindigkeit und Standortnähe. Problematisch wird sie, wenn verfügbare Immobilien stärker den Schulstandort bestimmen als pädagogische Qualität und langfristige Stadtentwicklung. Entscheidend ist daher nicht „Bestand statt Neubau“, sondern die richtige Entscheidung im Einzelfall: Erhalt und Umnutzung dort, wo sie ökologisch und pädagogisch überzeugen – Neubau dort, wo dadurch langfristig die bessere Schule entsteht.

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