Nach 21 Jahren Stillstand: Am Kaiserlei beginnt ein neues Kapitel – doch Fachleute äußern Kritik
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Mehr als zwei Jahrzehnte prägten sie das Bild am Eingang zu Offenbach: die entkernten Hochhaus-Gerippe der ehemaligen Siemens-Tochter Kraftwerk Union (KWU) am Kaiserlei. Seit Ende Mai 2026 sind die Abrissbagger im Einsatz. Bis Ende des Jahres sollen die Türme, die seit 2004 leer stehen, verschwunden sein. Doch was kommt danach? Auf dem Areal soll das neue „Kaiserviertel“ entstehen – ein gemischtes Stadtquartier mit Wohnungen, Büros, einem Hotel und sozialer Infrastruktur. Die ABG Frankfurt Holding investiert nach eigenen Angaben mehr als 500 Millionen Euro in das Projekt. Die ersten Wohnungen sollen ab 2029 bezugsfertig sein und das Kaiserviertel wird städtebaulich und architektonisch von Albert Speer + Partner (AS+P) aus Frankfurt geplant.
In Frankfurt und Offenbach gibt es jedoch einige Kritiker der ABG-Pläne, die manche Fragen zum fehlenden städtebaulichen Wettbewerb und der städtebaulichen Qualität des neuen Viertels stellen.
Vom „Schandfleck" zum neuen Wohnquartier
Lange galten die 20 und 24 Stockwerke hohen Türme als Sinnbild des Stillstands – ein weithin sichtbarer Schandfleck an der A661. Nun soll dort urbanes Leben einziehen: das Kaiserviertel ist ein neues gemischt genutztes Stadtquartier, dass aus sieben Neubauten besteht: Vier überwiegend achtgeschossige Wohnhäuser mit begrünten Innenhöfen und drei Hochpunkte mit bis zu 19 Geschossen sollen Mietwohnungen aufnehmen. Begrünte Freiräume und Innenhöfe sollen dem bislang brachliegenden ehemaligen KWU-Areal zugleich eine neue urbane und klimaangepasste Qualität geben.
Geplant sind 1.179 Mietwohnungen, darunter 354 Plätze in einem Studierendenwohnheim und rund 100 öffentlich geförderte Wohnungen. Hinzu kommen rund 4.200 Quadratmeter Büroflächen, eine Kita, ein Supermarkt, Gastronomie und Einzelhandel. Auch das bestehende Hotel am nördlichen Rand des Geländes wird in den neuen Baukomplex integriert.
Eine spektakuläre Sprengung wird es nicht geben – dafür seien Autobahn und S-Bahn-Tunnel zu nah. Stattdessen werden die Gebäude geschossweise zurückgebaut. Das Abbruchmaterial bleibt auf der Baustelle und wird für die Neubauarbeiten aufbereitet. Der Zeitplan ist ambitioniert: Nach dem Abriss bis Ende 2026/Anfang 2027 soll ab Ende 2027 das Planungsrecht stehen, gefolgt von Bauanträgen. Baubeginn ist für Anfang 2028 avisiert, die ersten Wohnungen sollen 2029 fertig sein.
Keine Wettbewerbspflicht – direkte Beauftragung von Albert Speer und Partner
Anders als viele erwarten könnten, gab es keinen offenen städtebaulichen Wettbewerb für das Kaiserviertel. Die ABG hat das Frankfurter Architekturbüro Albert Speer und Partner (AS+P) direkt mit der Planung beauftragt. Das ist rechtlich zulässig: Zwar müssen öffentliche Auftraggeber wie die ABG Architektenleistungen grundsätzlich ausschreiben, wenn bestimmte Schwellenwerte überschritten werden – ein formeller städtebaulicher Wettbewerb ist jedoch nicht zwingend vorgeschrieben.
AS+P hat ein Ensemble aus vier achtgeschossigen Wohnhäusern mit begrünten Innenhöfen entworfen, sowie drei Hochpunkten mit bis zu 19 Stockwerken, die das Quartier räumlich gliedern sollen. Die Mietpreise sollen im Schnitt bei rund 20 Euro pro Quadratmeter liegen. Der geförderte Wohnraumanteil liegt bei etwa 23 Prozent.
Weitere kritische Stimmen: „Kisteneinheitsbrei" statt Qualität
Mit einem Offenen Brief für ein vielfältiges Stadtquartier am Kaiserlei werben Frankfurter und Offenbacher Architektinnen und Architekten um Stefan Forster für eine qualitätsorientierte Entwicklung des Kaiserlei-Areals zu einem vielfältigen Stadtquartier. Sie sehen im Abriss der ehemaligen Siemens- beziehungsweise KWU-Türme die Chance, an der Schnittstelle beider Städte ein identitätsstiftendes Stück Stadt mit bezahlbarem Wohnraum, sozialer Mischung, öffentlichen Räumen und architektonischer Vielfalt zu schaffen. Statt eines erneut monofunktionalen Großprojekts fordern sie einen städtebaulichen Wettbewerb mit klaren Qualitätsvorgaben, mehrere konkurrierende Planungsbüros und einen unabhängigen Gestaltungsbeirat, der die Entwicklung langfristig begleitet.
Die Frankfurter Architekten Stefan Forster und Jens Jakob Happ, die sich in einem aktuellen FAZ-Interview für mehr Qualität im Wohnungsbau aussprechen, kritisieren auch die Planung für das Kaiserlei-Areal. „Wir bauen heute einen Kisteneinheitsbrei“, sagt Happ. Statt großer Monoblöcke bräuchte es kleinteiligere Parzellen, die von unterschiedlichen Architekten bebaut werden. Forster und Happ fordern zudem verbindliche Gestaltungsbeiräte für Städte, um öffentliche Diskussionsprozesse und architektonische Vielfalt zu sichern.
Kritik des Offenbacher Gestaltungsbeirats
Auch der Gestaltungsbeirat der Stadt Offenbach, ein unabhängiges Fachgremium, das bei großen, stadtbildprägenden Bauvorhaben beratend eingebunden wird, hat das Projekt bereits mehrfach beraten – und dabei deutlich Kritik geübt. Laut den Protokollen aus den letzten Sitzungen sind die Kritikpunkte des Beirats folgende:
Die „lebendige Mitte“ wird positiv bewertet, sollte jedoch als großzügiger urbaner Stadtraum statt als kleinteiliger Hofbereich gestaltet werden. Eine größere und weiterentwickelte Torsituationen sowie Durchgänge können diese Offenheit und Aufenthaltsqualität unterstützen. Die neu entworfenen Tore im Osten und Westen würden abgrenzen.
Der Beirat schlägt daher vor, die Zwischenbauten nicht als Torbauten auszuführen. Stattdessen sollten sie als Verbindungen zwischen den Blöcken mit einer offenen Erdgeschosszone zur Quartiersmitte hin entwickelt werden und die Gliederung in vier eigenständige, nicht zu kleinteilige Blöcke stärken.
Zudem sollten die vier Blöcke stärker differenziert werden, damit eine vielfältige Architektursprache und eigenständige Identitäten entstehen – idealerweise bearbeitet von vier verschiedenen Architekturbüros. Gemeinsame Gestaltungsleitlinien sollen dennoch ein stimmiges Gesamtquartier sichern und Uniformität vermeiden.
Zudem wünscht der Beirat eine weitere Sitzung mit Fokus auf die architektonische Ausarbeitung. Die Geschäftsordnung sieht jedoch maximal drei Vorstellungen vor. Der Gestaltungsbeirat hat keine Entscheidungsbefugnis, sondern gibt lediglich beratende Empfehlungen ab.
Ein Meilenstein für Offenbach
Für die Stadt Offenbach ist der Start des Rückbaus ein lang erwarteter Meilenstein. Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) betonte, das neue Kaiserviertel werde einen wichtigen Beitrag zur Wahrnehmung der Stadt und zur Entwicklung des Kaiserleis als attraktivem Wohnviertel leisten.
Ob das neue Quartier auch architektonisch überzeugt oder am Ende doch nur weitere „Kisten“ liefert – darüber wird in Frankfurt und Offenbach weiter debattiert werden. Fakt ist: Nach mehr als 20 Jahren Leerstand beginnt am Kaiserlei endlich ein neues Kapitel.
























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