Warum wird seit Jahren über die Aufwertung der Hauptwache diskutiert und nichts geschieht? Ein Interview mit Stefan Forster

Wir sind uns alle vermutlich einig: Seit vielen Jahren bedarf die Frankfurter Hauptwache dringend einer Sanierung. Sie ist kein schöner Ort zum Verweilen – um es vorsichtig auszudrücken. Auch über die beiden benachbarten Plätze – Goetheplatz und Rathenauplatz – im Zentrum der Stadt wird seit langem diskutiert, da auch diese beiden Plätze nicht als Mittelpunkt der Stadt dienen, an dem sich die Frankfurter gerne länger aufhalten. Die Menschen eilen über diese Plätze in der Innenstadt, aber sie werden nicht als Treffpunkt zum Verweilen genutzt und dienen auch nicht der Identifikation mit der Stadt, wie es meist in südlichen Städten der Fall ist.

Seit September läuft eine erneute Bürgerbeteiligung zur Sanierung der Hauptwache mit dem Titel #Hauptwache­Zukunft. Diese Bürgerbeteiligung soll ein ganzes Jahr dauern und das Ziel des Stadtplanungsamtes ist es, damit den „Charakter der Hauptwache aus der Perspektive der Bürgerinnen und Bürger zu sehen und sichtbar zu machen“.

Bereits vor 13 Jahren hoffte man, die Lösung zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität der Hauptwache wäre in der Rücknahme und Deckelung des Treppentrichters zu finden. Die Platzfläche sollte geebnet und als durchgehende Platzfläche komplett neu gestaltet werden. Im Laufe dieses Prozesses wurde jedoch deutlich, eine Deckelung wäre finanziell und insbesondere statisch ein unkalkulierbares Risiko. Die Stadt Frankfurt musste sich von diesem Planungsziel verabschieden. Das Bauwerk unterhalb der Hauptwache ist mittlerweile 50 Jahre alt und braucht nicht nur eine Erneuerung des Daches, sondern angeblich auch eine neue Technik. Eine Sanierung der Hauptwache muss planerisch zusammen gedacht werden und muss deshalb auch parallel laufen – so die Expertenmeinung. Um die neue Technik wie Lüftung, Elektro, Heizung und Brandschutz aller S- und U-Bahnstationen, Ladenzeilen und Verkehrswege kümmert sich die VGF. Für diese aufwendige technische Sanierung wird mit einem Zeitraum von rund 10 bis 15 Jahre gerechnet.

Der Abgang zur B-Ebene de rHauptwache
Café Hauptwache

2021 hatte das Stadtparlament dann die Umgestaltung des steinernen Platzes im Zentrum der Innenstadt beschlossen, wobei es im Jahr 2022 losgehen sollte. Auch eine Arena für Kleinkunst und Konzerte war geplant. Das „Loch“, also der von Stufen gesäumte tieferliegende Platz, sollte zudem als Veranstaltungsort genutzt werden. An den Planungen zur Neugestaltung der Frankfurter Hauptwache wurde auch die Bevölkerung beteiligt und das Deutsche Architekturmuseum (DAM) hatte hierfür ein eigenes Forschungsprojekt mit dem Namen „Wohnzimmer Frankfurt“ gestartet. Ziel war es bereits 2022, die Potenziale der Hauptwache als zentralen Treff- und Verkehrsknotenpunkt zu nutzen und zu einem Platz mit besserer Aufenthaltsqualität umzugestalten. 2022 hatte zudem die Stiftung „Altes Neuland Frankfurt“ ein Konzept für die Umgestaltung der Hauptwache entworfen, das eine Kombination aus Rekonstruktion, Begrünung und nachhaltiger Technik vorsah.

Interview mit Stefan Forster, Architekt und Städtebauexperte

Wir als SKYLINE ATLAS wollten von Stefan Forster, Architekt und Städtebauexperte, wissen, was er über diese erneute Bürgerbeteiligung und die Sanierung der Hauptwache und der benachbarten Plätze denkt.

SKYLINE ATLAS: Seit Jahren wird über diesen zentralen Platz – die Hauptwache – und dessen Umgestaltung diskutiert. Könnten Sie bitte einen kurzen Überblick über die bisher bereits erfolgte Diskussion und Umsetzung der Sanierungsmaßnahmen der Hauptwache geben?

Stefan Forster: Zunächst einmal ist die Hauptwache das Zentrum der Innenstadt. Sie verbindet nicht nur Freßgass und Zeil, sondern auch Roßmarkt und Eschenheimer Turm miteinander. Ihrer Funktion als zentraler Stadtplatz wird sie jedoch schon lange nicht mehr gerecht. In ihrer heutigen Gestalt ist sie das Ergebnis der planlosen Umgestaltung der 1960er-Jahre. Die offene Erschließung der B-Ebene – in Frankfurt besser bekannt als das „Loch“ – sowie der Versatz der verschiedenen Ebenen stammen aus dieser Zeit. Die Neugestaltung des Platzes war schon im Jahr 2000 das Thema eines städtebaulichen Wettbewerbs zur Aufwertung der Zeil und ihres Umfelds. Statt einer Neugestaltung wurde die Hauptwache dann 2009 für den Autoverkehr gesperrt – eine sinnvolle, aber eben rein verkehrstechnische Maßnahme. Statt diesen wichtigen Platz endlich angemessen zu gestalten, hat man dem Loch lediglich eine Asphaltbahn hinzugefügt. Zugleich versprach die Stadtpolitik schon damals die Umgestaltung des Hauptwache-Platzes als nächsten Schritt „inklusive der Schließung des Lochs“ (FAZ, 18. Februar 2009). Mir ist unbegreiflich, wie man die Hauptwache überhaupt für den Autoverkehr schließen konnte, ohne einen städtebaulichen Plan zu haben, wie der Platz anschließend aussehen soll.

Stefan Forster

SKYLINE ATLAS: Wäre aus Ihrer Sicht auch eine zügigere Vorgehensweise ohne eine erneute Bürgerbeteiligung möglich und was könnten die konkreten Schritte sein?

Stefan Forster: Wir dürfen nicht vergessen, dass die Sperrung der Hauptwache eine Vorgeschichte hat. Sie wurde bereits 2002 vom damaligen Viererbündnis beschlossen. Die Stadt hätte also bis zur Umsetzung sieben Jahre Zeit gehabt, um einen städtebaulichen Plan zu entwickeln. Passiert ist alles in allem mehr als zwanzig Jahre lang nichts. Vor zwei Jahren haben Stadtplanungsamt und Architekturmuseum eine Reihe von Interventionen gestartet: das sogenannte Reallabor „Wohnzimmer Hauptwache“. Das Ziel war die Aktivierung der Bürgerinnen und Bürger. Zunächst wurde aufgezeigt, was man auf einer leeren Fläche so alles machen kann: Tische aufstellen, gemeinsam essen, diskutieren, Hula-Hoop-Reifen kreisen lassen, tanzen, Basketball spielen, musizieren. Die Bürger sollten „performative, dialogische oder auch bauliche“ Module entwickeln. Nach zwei Jahren Reallabor fällt das Ergebnis ernüchternd aus. Danach erforschte das Architekturmuseum mit seiner „Langen Bank“ den Ort, gedacht als eine künstlerische Intervention. Auf der langen Bank sollte man verschiedene Sitz- und Liegepositionen ausprobieren und erleben, „wie das Sitzen urbane Räume definiert“. Das Loch erfuhr zudem eine künstlerische Intervention. Beide Aktionen, finanziert mit öffentlichen Geldern, waren nach Aussagen der jeweiligen Veranstalter „erfolgreich“. An der Situation haben sie nichts verändert. Der Fokus auf performative Beteiligung erinnert mich stark an den Aktivismus der 70er-Jahre.

Nun möchte also das Stadtplanungsamt erneut die Bürger befragen: Wie stellen sie sich ihre Hauptwache vor? Für diese Aktion ist der Zeitraum von einem Jahr geplant. Wir erleben eine Form der seriellen Beteiligung, die sich bei näherer Betrachtung als Bürgerverachtung entpuppt. Beteiligung darf kein Wunschkonzert sein, sondern kann nur auf der Basis ausgearbeiteter Konzepte funktionieren. Man konfrontiert die Bürger mit verschiedenen Lösungsansätzen und erläutert, wie man zu dem Konzept gekommen ist – nur so kann man „Bürger mitnehmen“, wie es immer so schön heißt. Grundsätzlich glaube ich allerdings nicht, dass die Frankfurter große Lust auf solche Mitmachaktionen haben. Es ist die Aufgabe der Stadtpolitik, Lösungen anzubieten und die Stadt voranzubringen. Dass sich demokratische Politik mehr und mehr in einer vordergründigen Bürgerbeteiligung erschöpft, ist für mich ein Zeichen von Entscheidungsunfähigkeit.

SKYLINE ATLAS: Warum dauern die städtebaulichen Abstimmungsprozesse in Frankfurt so lange? Gibt es andere Städte, die ähnliche städtebauliche Maßnahmen schneller umgesetzt haben?

Stefan Forster: Für mich als Bürger dieser Stadt ist es völlig inakzeptabel, dass an der wichtigsten Stelle der Stadt seit über 20 Jahren nichts passiert. 2009 wurde der Durchgangsverkehr herausgenommen, die ehemalige Fahrbahn ist noch immer sichtbar, und der Platz mit großformatigen Anti-Terror-Pollern abgegrenzt. Weiter ist nichts passiert – ein Provisorium. Eigentlich ist mir keine Stadt mit ähnlichen Lähmungserscheinungen bekannt. In Frankfurt vergleicht man sich gerne mit Weltstädten wie Rom, Paris oder gar New York. Gerade der Blick auf diese Städte, die enorme Veränderungen des öffentlichen Raums innerhalb kürzester Zeit bewältigt haben, ist für einen Frankfurter beschämend.

Blick von Hauptwache zur Zeil
Goetheplatz

SKYLINE ATLAS: Wäre aus Ihrer Sicht eine umfassende Umgestaltung und Sanierung der Hauptwache finanziell für die Stadt Frankfurt möglich?

Stefan Forster: Der Haushalt für 2025 sieht Aufwendungen in Höhe von 5,5 Milliarden Euro vor; allein für Abriss und Neubau der Theater-Doppelanlage sind in den nächsten Jahren 1,3 Milliarden Euro veranschlagt. Zugleich sehen unsere öffentlichen Räume aus wie zu Zeiten einer Notstandsverwaltung. Es gibt einen politischen Automatismus, der Nichthandeln mit fehlenden Mitteln begründet.

SKYLINE ATLAS: Wie könnte man die Aufenthaltsqualität der Hauptwache verbessern und gleichzeitig die klimatische Erwärmung der Innenstadt reduzieren?

Stefan Forster: Viele andere Städte haben die zentralen Themen längst erkannt und sind schon mitten in der Umsetzung. Diese Themen sind die Überhitzung der Innenstadt, der Schutz vor Extremwetter und die soziale Inklusion. Es muss deshalb zu einer großflächigen Entsiegelung bei gleichzeitiger Begrünung mit großen Bäumen kommen. Nur so können wir die natürliche Versickerung gewährleisten und das Mikroklima erträglich halten. Dabei ist es sicher der falsche Weg, sich bei der Entsiegelung auf die privaten Flächen zu konzentrieren, wie dies in der Neufassung der Frankfurter Freiraumsatzung geschieht. Entsiegelung kann nur funktionieren, wenn wir den ruhenden Verkehr entlang der Straßen auflösen. Hierin liegt ein riesiges ungenutztes Flächenpotenzial, welches wir schnellstens angehen müssen.

SKYLINE ATLAS: Was wäre Ihr konkreter Vorschlag für eine Umgestaltung dieses zentralen Platzes im Zentrum der Innenstadt? Gibt es Bespiele aus anderen Städten, die man als Vorbild nutzen könnte?

Stefan Forster: Für die Hauptwache würde das bedeuten: das Loch endlich zu schließen, den Platz sinnvoll zu begrünen, die Platzoberflächen städtebaulich aufzuwerten und zu differenzieren. Das Ziel muss ein zentraler großstädtischer Platz mit einer hohen Aufenthaltsqualität sein. Dabei muss die B-Ebene mitgedacht werden, die derzeit schlichtweg ein Unort ist und das auch bleiben wird. Das Konzept der B-Ebenen kommt aus einer Zeit, in der man Autos und Menschen konsequent trennte – Autos nach oben, Menschen nach unten. Aber Menschen sind nun mal keine Mäuse. Schon aus diesem Grund finde ich es völlig anachronistisch, dass man der Deutschen Bahn erlaubt, die B-Ebene am Hauptbahnhof zu erneuern, während sie die Fläche darüber seit Jahren hat verkommen lassen. Hier zeigt sich die Ohnmacht der Stadt Frankfurt gegenüber der Bahn.

In Anbetracht der Tatsache, dass man seit Jahren den Niedergang der Zeil und den Leerstand von Geschäften beklagt, scheint es widersinnig, auf Ladenzeilen unter der Erde zu beharren. Mit dem Rückbau der Läden wäre natürlich auch die Hoffnung verbunden, die technischen Erneuerungen nicht so aufwändig gestalten zu müssen. Im Übrigen sind die genannten 15 Jahre (!) für diese Baumaßnahmen für mich nicht nachvollziehbar. Es sollte geprüft werden, ob der Verzicht auf die Untergrundläden die Schließung des Lochs vereinfachen würde. Dieses könnte beispielsweise durch einen Baumhain mit großkronigen Bäumen auf einer Rasenfläche ersetzt werden. Es muss darum gehen, der Hektik der passierenden Menschenmenge einen ruhigen Ort entgegenzusetzen. Leider gibt es bei den Planern immer die Unsitte, einer Fläche eine Aktivität zuzuweisen, nach dem Motto: hier sollst du spielen, dort sollst du dich ausruhen; hier die Jungen, dort die Alten. Als ob ein Stadtraum nur gelingen kann, wenn immer etwas passiert. Ich halte das für die völlig falsche Herangehensweise. Auch hier kommen bei mir Assoziationen aus meinem Studium Ende der 70er-Jahre auf. Damals durften die Begriffe „Hüpfen, Springen, Toben“ auf keinem Plan fehlen. Wir müssen der Stadt Orte geben, die zunächst einfach „schön“ sind (um mit meinem Kollegen Christoph Mäckler zu sprechen). Sie sollen zum Verweilen einladen und eine gewisse Erhabenheit ausstrahlen. Die Zuweisung von bestimmten Aktionen oder Funktionen ist dafür kontraproduktiv.

Georg Daniel Haumann nach einer Zeichnung von Salomon Kleiner; Frankfurt Historische Museum; Hauptwache mit Blick in die Zeil von Südwesten 1738

Georg Daniel Haumann nach einer Zeichnung von Salomon Kleiner; Historisches Museum Frankfurt, Hauptwache mit Blick in die Zeil von Südwesten 1738

Postkarte, datiert 3.5.1918. Titel: "Frankfurt a.M. - Hauptwache"

Postkarte, 1918. Titel: „Frankfurt a.M. – Hauptwache“. Im Hintergrund, durch die Hauptwache verdeckt, der damalige Schillerplatz und, seit 1892, das mächtige ALEMANNIA Haus.

SKYLINE ATLAS: Auch der Rathenauplatz und der Goetheplatz laden nicht gerade zum Verweilen ein. Das Stadtplanungsamt plant hier einen Bouleplatz. Welches Konzept schlagen Sie vor, um auch diese beiden zentralen Plätze im Herzen von Frankfurt zu beleben und die Aufenthaltsqualität zu verbessern?

Stefan Forster: Leider ist die derzeitige räumliche Situation zwischen dem Platz an der Hauptwache sowie dem Platzgefüge Roßmarkt, Rathenau– und Goetheplatz nach wie vor ein Ergebnis der enormen Kriegszerstörungen. Die einzelnen Plätze gehen fließend ineinander über und besitzen keine Identität. Wo beginnt der Goetheplatz und wo endet der Rathenauplatz? Die Neugestaltung der drei Plätze hat die Situation nicht wesentlich verändert. Abhilfe und somit räumliche Klarheit können nur Gebäude – als raumdefinierende Platzwände – schaffen. Seit Jahren wird ein Gebäude zwischen Goethe- und Rathenauplatz propagiert – vom BDA 2015 durch einen Pavillon gut simuliert. Leider ist dieser Bau bis dato an der Mutlosigkeit der Stadtregierungen gescheitert. Wir können sogar noch weiter zurückgehen: So hat bereits in den 1980er-Jahren Christoph Mäckler durch das Projekt an der Kaiserstraße (ein schmaler Gebäuderiegel) den Roßmarkt vom Platz an der Hauptwache getrennt. Die Kaiserstraße ist an dieser Stelle viel zu breit geraten. Hier wäre eine schmale Ladenzeile, wie auf dem Viktualienmarkt in München, denkbar. Gerade die eindeutige räumliche Fassung dieser Plätze hätte meines Erachtens großen Einfluss auf deren Aufenthaltsqualität, da man sich in überschaubaren Räumen einfach wohler fühlt. Wenn man zudem das graue Granulat des Bodenbelags auf dem Goetheplatz durch sandfarbenes ersetzen würde, hätte man schon sehr viel gewonnen. Der Rathenauplatz sollte durch Bäume und eine großflächige Entsiegelung mehr Aufenthaltsqualität erhalten und zum Verweilen einladen.

Viktualienmarkt München

SKYLINE ATLAS: Inwieweit sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der Schließung von Geschäften und der Attraktivität der Innenstadt? Könnten attraktive Plätze in der Innenstadt, auf denen die Menschen länger in Cafés verweilen und ein Wochenmarkt stattfindet, die Innenstadt beleben? Und könnte eventuell eine von der Stadt subventionierte Gastronomie ein Teil der Lösung sein?

Stefan Forster: Die Innenstadt wird nur überleben, wenn sie eine bestimmte räumliche Qualität zu bieten hat. Man geht einfach dahin, wo es schön ist – so einfach ist das. Somit müssen wir als Architekten am Bild der Stadt arbeiten.

SKYLINE ATLAS: Vielen Dank, Herr Forster, für dieses spannende Interview. 

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