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Offenbach macht sich fit für die Zukunft

Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke im Gespräch

Die Stadt Offenbach am Main hat mehr als 140.000 Einwohner und ist in den letzten Jahren um rund 20.000 Einwohner gewachsen. Offenbach zeigt außerdem eine große Dynamik in der städtebaulichen Entwicklung, insbesondere im Hafenviertel sowie dem Stadtteil Kaiserlei entstehen neue Immobilien und Hochhäuser.

Wegen ihrer großen Internationalität gilt Frankfurts Nachbarstadt als „Arrival City“ für viele Neubürger, die sich für die Region Rhein-Main entscheiden. Grund genug, mit dem Offenbacher Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke (SPD) über die Entwicklungen zu sprechen.

SKYLINE ATLAS: Hallo Herr Schwenke! Schön, dass Sie sich Zeit genommen haben für unser Gespräch. Uns interessiert: Was macht Offenbach so attraktiv für Neuankömmlinge, Gründer und Unternehmen?

Dr. Felix Schwenke: Als erstes haben wir da natürlich unsere Lage. Offenbach liegt in einer der reichsten Regionen der Welt. Wir leben neben dem Eisenbahnknotenpunkt Frankfurter Hauptbahnhof, neben einem der größten Flughäfen weltweit und ein Stück weit relativ zentral innerhalb Europas.

Und von daher sind wir natürlich grundsätzlich für Menschen interessant, die einen Wohnort suchen, ob nun aus beruflichen oder privaten Gründen. Grundsätzlich ist die Stadt Offenbach attraktiv, weil wir wirklich weltoffen sind, weil hier schon ganz viele Menschen unterschiedlicher Herkunft leben, die auch erfolgreich Offenbacher geworden sind. Das heißt, man ist hier nicht der erste, der anders aussieht als alle anderen aus dem Dorf, sondern hier kann man herkommen und gehört sofort dazu. Ich glaube, deswegen sind wir für Menschen natürlich grundsätzlich interessant.

Für Gründer sind wir interessant, weil wir ein sehr intensives Gründerförderprogramm machen. Wir waren prozentual gesehen zwölf Jahre hintereinander in Deutschland Gründerhauptstadt Nummer eins. Auch dann, wenn man diese einfache Unternehmensgründungen wie Trockenbau und so weiter herausrechnet.

Wieso ist Offenbach also Deutschlands Gründerhauptstadt Nummer eins, zwölfmal hintereinander? Es kommt, weil wir mit der Hochschule für Gestaltung (HfG), die auch was viele nicht wissen, eine Elite-Uni haben. Also man nach einer Kunsthochschule in Deutschland sucht, dann landet man immer wieder bei der HfG. Das sagt jetzt nicht der begeisterte Oberbürgermeister, das sagen Rankings von Dritten. Mit dieser Elite-Uni kooperieren wir ganz eng. Und viele derjenigen, die dort ihren Abschluss machen, machen sich als Gründerinnen und Unternehmensgründer selbständig. Deswegen ist bei uns beispielsweise die Kreativwirtschaft in Offenbach auch ganz massiv gewachsen.

Dann haben wir mit dem Ostpol ein Gründerzentrum, wo wir von Mikrokredit bis Raumvermittlung ganz viel machen. Und dann werden wir auch für Unternehmen immer attraktiver. Wir haben nach meinem Amtsantritt auch nochmal ein neues Wirtschaftsstandortkonzept beschlossen und damit sehr konkret gemacht, wie wir Wirtschaft und Unternehmen hier in Offenbach auch unterstützen werden. Ich nenne mal ein konkretes Beispiel dazu.

Nachdem ich ein Jahr im Amt war, habe ich mir die Prozesse bei uns im Haus intensiver angesehen: Wie sind die Abläufe, wie lange dauert etwas – was auf den ersten Blick langweilig klingt. Ich habe daraufhin eine neue Runde eingeführt. Das nennt sich Baugenehmigungsrunde bei uns. Aber das ist in der Praxis extrem wirksam, weil was passiert dort? Alle 14 Tage treffen sich der Baudezernent, der Stadtkämmerer und ich. Wir repräsentieren da schon drei Parteien zusammen mit der Leitung der Stadtplanung, der Bauaufsicht und natürlich auch das Umweltamt der Wirtschaftsförderung. Und bei allen Projekten, die eine gewisse Bedeutung für Offenbach haben wird alle 14 Tage auf den Fortschritt geschaut: Wie ist der Stand? Was sagen die Nutzer, die Entwickler und die Eigentümer? Was sagen unsere Fachämter? Und dann wird nachgesehen, ob es da Widersprüche gibt. Und dann kann man eben auch alle vierzehn Tage eng entscheiden mit breitem politischen Rückhalt. Deswegen geben wir in Offenbach die Garantie ab, dass wir schnelle Baugenehmigungsprozesse haben. Das können wir tatsächlich für die wichtigen Bauprojekte garantieren, weil wir alle Fachleute zum gegenseitigen Austausch zusammenführen. Diese Garantie ist ein gelebter Bestandteil des Wirtschaftsstandortkonzept und nicht nur ein Papiertiger.

Offenbach Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke im Rathaus

Oberbürgermeister Dr. Felix Schwenke im Offenbacher Rathaus

Luftbild Offenbach - Panorama Offenbach am Main - Innenstadt mit Wohnhäusern
Offenbach Hafen - Neuer Hafen Offenbach am Main
Berliner Straße in Offenbach am Main
Zollamt Studios in Offenbach am Main

SKYLINE ATLAS: Private und gewerbliche Bauherren fassen zunehmend Offenbach ins Auge. Ja, was wünschen Sie sich von Investoren und neuen Gewerbeansiedlungen? Was sind gute Gründe für Offenbach?

Dr. Felix Schwenke: Neben der gerade genannten schnellen Baugenehmigung besucht die politische Spitze regelmäßig die Wirtschaft und steht in engem Austausch mit dieser. Ein weiterer Grund für Offenbach ist dann natürlich auch die Lage mir der direkten Autobahnanbindung. Wir haben in Offenbach an jedem Gewerbestandort außerdem Glasfaser-Verbindungen für schnelles Internet liegen, egal ob dies alte Gewerbegebiete betrifft oder Neuentwicklungen im Hafen Offenbach oder am Kaiserlei.

Im übrigen liegt mit dem DE-CIX einer der größten Internetknoten der Welt nur wenige Hundert Meter von Offenbach entfernt. Dieser Internet-Hub liegt gerade auf der anderen Mainseite bei uns. Und dann ist der Flughafen in nur 10 Minuten mit dem Auto erreichbar.

Auch im Kaiserleigebiet geschieht einiges. Beispielsweise wird der Verkehr nach dem Rückbau des Kreisels in Echtzeit gesteuert werden. Hierzu sage ich auch gerne: „Auch bei einem in Echtzeit gesteuerten Verkehr werden sie im Stau stehen, aber immer mit dem guten Gefühl, dass sie nirgendwo kürzer im Stau gestanden hätten.“ Das mit der Echtzeit-Steuerung ist kein Versprechen eines Politikers, sondern wir verbauen dort tatsächlich smarte Ampel-Technologie. Die dazu notwendige Steuertechnik längst gekauft, damit künftig Verkehr so schnell wie nur irgendwie technisch gesteuert werden kann.

Felix Schwenke - Ober-Bürgermeister von Offenbach am Main - im Vorfeld der Kommunalwahl Offenbach 2021
Felix Schwenke - Bürgermeister Offenbach am Main (SPD)
Dr. Felix Schwenke (SPD) - Oberbürgermeister Offenbach am Main

SKYLINE ATLAS: Für viele Menschen ist Offenbach eine kleine Version von Berlin, eine hippe Stadt, geprägt von Kreativität und Vielseitigkeit. Wie kann jeder einzelne mithelfen, „Weltoffenbach“ noch attraktiver zu machen?

Dr. Felix Schwenke: Also erst einmal kann ich das verstehen, dass wir durchaus auch mit Berlin verglichen werden. In gewisser Weise sind wir auch ein Stück arm, aber sexy. (lacht) Und wie kann jeder einzelne mithelfen? Ich sage mal, es kommt nicht drauf an, wie einer aussieht oder wo man herkommt, sondern wie sich jemand verhält. Und das ist natürlich am Ende das Geheimnis jeden erfolgreiches Zusammenlebens, ob jetzt auf dem Dorf oder in der Großstadt. Klar, wir brauchen hier Menschen, die sich auch an die Regeln halten, die auch sich zur deutschen Sprache bekennen und dann hier mitwirken. Dann am besten nicht allzu viel im Internet kaufen, sondern auch vor Ort kaufen, damit eben das, was eine Stadt Offenbach ausmacht an Struktur, Gastronomie, Bars und auch Geschäften weiter existieren kann. Auch gut ist, wenn man vielleicht auch in einem der zahlreichen Offenbacher Vereinen mitwirkt und so mithilft, Lebendigkeit in der Stadt zu erzeugen. Das Teilhaben in solchen Netzwerken ist in jedem Fall besser, als zu Hause auf dem Sofa zu sitzen und nicht mitzuwirken. Das funktioniert in Offenbach ausgesprochen gut. Deshalb überrascht mich der Vergleich mit Berlin nicht.

SKYLINE ATLAS: Nach einer neuen Studie von Immowelt im Juli 2020 belegt Offenbach bundesweit den zweiten Platz bei Preissteigerungen für Mietwohnungen. Welche Auswirkungen hat dies für die zukünftige Entwicklung? Welche Auswirkungen hat dies auf die zukünftige Entwicklung?

Dr. Felix Schwenke: Das Gute daran ist erst einmal, dass wir eine attraktive Stadt zum Wohnen sind. Das ist nicht nur das hoffnungsfrohe Gerede eines Oberbürgermeisters. Hier kommen tatsächlich viele neue Menschen her. Deshalb steigen natürlich auch Mieten. Aber steigende Mieten sind deswegen auch für einen Oberbürgermeister immer schön. Denn sie sind ein Indikator, dass die Stadt interessant ist, dass Menschen wirklich kommen wollen.

Auf der anderen Seite sind steigende Mieten natürlich ein riesengroßes Problem. Es gibt so viele Gründe, warum derzeit mehr Wohnraum nachgefragt wird. Weil vielleicht Kinder ausziehen, weil man sich verkleinern möchte, der Ehepartner stirbt oder man selbst heiratet und man deshalb umziehen will. Oder es sind Kinder im Anmarsch und man will sich vergrößern. Es gibt so viele schöne und traurige Gründe im Leben, warum man vielleicht doch die liebgewonnene Wohnung verlassen will und eine andere Größe braucht. Und wenn dann sozusagen die kleinere Wohnung mehr kostet als früher die größere, dann ist es nicht so gut.

Wenn dann aber die neue Wohnung völlig unbezahlbar ist, haben wir natürlich ein riesiges Problem. Das heißt, das hat Auswirkungen dahingehend, dass wir uns als Stadt Offenbach natürlich auch um den Bau von Wohnungen kümmern müssen. Der private Markt funktioniert dabei in Offenbach insofern sehr gut. Wir sehen, dass bebaubare Grundstücke in Privatbesitz verkauft werden wie nichts. Wir sind in den letzten 5 Jahren um 20 000 Einwohner gewachsen. Offenbach zählt damit zu den prozentual am stärksten wachsenden Städten Deutschlands. Also: Wo mehr Nachfrage ist, muss auch mehr Angebot hin. Ein weiterer Punkt ist die Weiterentwicklung der wenigen in Stadtbesitz verbliebenen Grundstücke, die man für Wohnzwecke nutzen kann. Die werden wir jetzt erstmals wieder in unsere städtische Wohnungsbaugesellschaft GBO geben. Damit werden wir mit unserem öffentlichen Wohnungsbauunternehmen bezahlbaren Wohnraum schaffen, öffentlich gefördert aber auch nicht öffentlich geförderten.

Wohnen in Offenbach wird immer teurer - Eingang zu einem Wohnhaus
Wohnhäuser in Offenbach - Immobilienpreise steigen auch in Offenbach am Main seit Jahren

SKYLINE ATLAS: Wie können preiswerte Wohnmöglichkeiten erhalten oder neu geschaffen werden?

Dr. Felix Schwenke: Zum einen müssen wir mehr Baugebiete ausweisen. Wo die Nachfrage größer ist, muss auch mehr Angebot hin. Zum zweiten müssen wir aber eben auch mit der öffentlichen Wohnungsbaugesellschaft selbst wieder bauen. Das Thema Wohnraum kann aber ganz grundsätzlich nicht von einer Stadt alleine gelöst werden. Also es gibt auch Grenzen des Wachstums, nicht nur wegen „Fridays for Future“, sondern weil in der Tat Boden und Natur endlich ist. Deshalb ist es wichtig, dass man als Kommune auch Wohnbaubauflächen ausweist. Manche Kommunen machen diesbezüglich einfach gar nichts. Das halte ich für sehr, sehr schlecht. Auf der anderen Seite wollen auch keine immer heißer werdende Innenstadt durch den Klimawandel haben. Die Lebensqualität muss ja auch erhalten bleiben für die, die hier wohnen.

SKYLINE ATLAS: Welche gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereiche wollen Sie in den kommenden Jahren mit Ihrer Politik stärken?

Dr. Felix Schwenke: Gesellschaftlich ist mir einmal wichtig, dass wir z.B. das Ehrenamt attraktiv halten, weil eine Entwicklung wie das Sterben von Vereinen sehe ich kritisch. Ich finde es, Vereine sind wichtig. In Vereinen geschieht Integration, in Vereinen geschieht Sozialisation. Vereine machen natürlich auch ein Angebot in Sport, in Kultur und bereichern mit dem Angebot auch eine Stadt. Wichtig ist aber auch, dass unsere Schulen alle Stück für Stück saniert werden, damit unsere Schulen auch moderne gute Gebäude sind, in denen man Schüler mit gutem Gewissen schicken kann. Und da ist offenbar auch noch viel zu tun. Wir haben viele Schulen saniert, aber leider weiterhin noch längst nicht alle. Und dann ist da noch das Megathema Umweltschutz.

Dass wir bei allem, was wir tun, auch die Auswirkungen auf Umwelt bedenken, ist ganz wichtig. Dazu zählt auch die  Verkehrswende, die man eben in der Politik auch im Blick behalten muss. Und dann haben sie auch noch nach  wirtschaftlichen Bereichen gefragt. Die Nutzung von Abwärme bei Rechenzentren ist ein gutes Beispiel dafür, wie man an die Umwelt denken und gleichzeitig den Wirtschaftsstandort fördern kann. Erst kürzlich konnten wir im Bereich der Rechenzentren einen großen Erfolg bei der Ansiedlung vermelden. Aber auch auf dem Campus unserer Energieversorgung planen wir für die Zukunft noch weitere Rechenzentren, weil neben Glasfaseranbindung die Rechenzentren ein wesentlicher Baustein für einen attraktiven Wirtschaftsstandort bei digitaler Infrastruktur sind. Deshalb haben wir auch für die wirtschaftlichen Bereiche einen Masterplan Offenbach 2030 beschlossen, der genau sagt, wo was in Offenbach hin soll.

Und das ist mir tatsächlich auch wichtig. Es klingt etwas sperrig, aber die Diversifizierung des Wirtschaftsstandorts Offenbach, das will ich. Das heißt, ich will nicht nur nur auf einen Bereich setzen wie  Rechenzentren, sondern natürlich auch auf gewerbliche Büroflächen. Deshalb erfolgen jetzt auch vermehrt unsere Hochhaus-Planungen, die wir insbesondere am Kaiserlei anstreben. Aber wir fokussieren uns auch hier nicht nur auf Hochhausentwicklungen und Büros. Wir denken auch an die Handwerker. Ich mache Obermeister-Tagungen jedes Jahr, bin im Austausch mit den Handwerksmeister. Die Stadt Offenbach schaut, dass wir auch für Handwerker weiter Flächen vorhalten, damit auch diese hier am Standort bleiben.

Und dann gibt es noch weitere innovative Ideen rund um die Themen Industrie 4.0, 3D-Druck et cetera. Diesbezüglich haben wir auch eine Idee, wo genau wir das am Güterbahnhof Offenbach Ost entwickeln wollen. Auch an der Forschung und Entwicklung sind wir sehr interessiert. Auf dem Clariant-Gelände wollen wir einen Design Park schaffen, wo eben Forschungs- und Entwicklungsabteilungen von Unternehmen sich ansiedeln können, die sich insbesondere mit Produktdesign aufgrund von Digitalisierung beschäftigen.

OB Offenbach am Main - Dr. Felix Schwenke
Offenbach Panorma der Innenstadt
Das Gelände der EVO (Energieversorung Offenbach) mit einem daneben liegenden Rechenzentrum, das kürzlich errichtet wurde (Main DC)

SKYLINE ATLAS: Was wünschen Sie sich von Land und Bund in Bezug auf die künftige Entwicklung Offenbachs?

Dr. Felix Schwenke: Also ein Feld zwischen Land, Bund und der Stadt ist derzeit das Thema Finanzen. Da hat es seit diesem Jahr einen riesengroßen Fortschritt gegeben, dass der Bund wenigstens bis zu 75 Prozent der Kosten für Unterkunft bezahlt. Das bedeutet für Offenbach rund zehn Millionen Euro mehr jedes Jahr. Aber noch immer legen wir über zehn Millionen Euro jedes Jahr an eigenem Geld für Sozialgesetze drauf. Das ist also ein Thema, das wir mit Bund und Land immer noch nicht abgeschlossen haben und auch weiterhin für Geld kämpfen müssen.

Ein zweites Thema ist natürlich der Infrastruktur-Anschluss beim Thema Verkehrswende, sprich, dass Offenbach nicht auf der Schiene nicht vergessen wird. Das kann ein Kommunalpolitiker fast gar nicht steuern. Da gibt es eine große Diskussion um den Fernbahntunnel in Frankfurt als Beispiel. Da erwarten wir schon, dass Bund und Land eine Ausgestaltung des Fernbahnhofs wählen, die am Ende auch für die Schienenanbindung des Wirtschaftsstandort Offenbachs einen Vorteil bietet.

Und auch wenn es um die Frage geht Ausbau des Flughafens und dessen Schienenanbindung geht, sind wir als eine vom Fluglärm stark betroffene Stadt sehr daran interessiert, dass wir nicht nur unter den Lasten leiden, sondern bitte unbedingt auch von den positiven Dingen profitieren. Und das tun wir als Wirtschaftsstandort natürlich. Es gibt auch genug Menschen, die am Flughafen arbeiten und bei uns leben. Aber wenn der Flughafen weiter an die Schiene angebunden wird, dann muss bei dieser Schienenanbindung und den neuen S-Bahn-Trassen, auch sichergestellt werden, dass Offenbach auch von der Schiene her ein attraktiver Wirtschaftsstandort ist. Und ich würde sagen, das sind schon zwei sehr teure, aber extrem wichtige Punkte, die ich mir vom Bund und Land wirklich wünsche.

RMV Offenbach - Zugverkehr Offenbach am MAIN - RMV Zug - S1, S8 und S9

SKYLINE ATLAS: Kommen wir auf die Zukunft zu sprechen. Was ist Ihre langfristige Vision für das Kaiserleigebiet, das ja an die Stadtgrenze zu Frankfurt direkt angrenzt?

Dr. Felix Schwenke: Der Kaiserlei ist in der Tat ein Standort, bei dem wir uns im Schwerpunkt noch zusätzliche Büros und gewerbliche Flächen vorstellen. Allerdings wollen wir dort eine Entwicklung, die dafür sorgt, dass es kein toter Bürostandort wird, sondern dass es insgesamt ein lebendiges Viertel ist.

Wir haben deshalb einen Plan erstellt, der wirklich flächenscharf zeigt, wo wir wie im Kaiserleibereich etwas entwickeln wollen und bei dem man dann sieht, dass wir auch genau Hochhausstandorte planen. Mindestens drei sind aktuell auch höchstwahrscheinlich in ihrer Entwicklung. Einer davon ist Nordring 150, bei dem der Architektenwettbewerb jetzt schon gelaufen ist. Also kommt dieser Standort auf jeden Fall.

Bei den zwei weiteren sind wir als Stadt offenbar Flächeneigentümer. Da war in den letzten Jahren noch einiges mit zwei kleinen Flurstücken zu regeln. Mittlerweile sind alle Auschreibungsunterlagen fertig. Das heißt, es wird auch zwei weitere Standorte auf jeden Fall dort noch geben. Also die Hochhäuser mit Büronutzung sind eine wichtige Perspektive für den Kaiserlei. Aber wir wollen auch einen Park entwickeln mit Gastronomie, der das Viertel zum Fluss hin öffnet.

Und wir wollen den Brüsseler Platz, den es jetzt auch schon gibt, da wollen wir auch einen Ort schaffen mit möglichst viel Gastronomie ringsherum, um auch dort nochmal viel Aufenthaltsqualität zu haben. Und sowieso gibt’s schon viel Hotels im Kaiserlei und teilweise noch eine andere Nutzung direkt angrenzend auch Wohnbaunutzung.

Das heißt, das, was wir für die Zukunft planen, ist eine Ergänzung, wesentlich im Bereich Büro und gewerbliche Entwicklung. Aber das Viertel soll insgesamt lebendig sein und damit eben weit weg von einem toten Büroviertel. Denn das wollen wir natürlich nicht.

Ansonsten ist der Kaiserlei ein super Standort, weil er liegt direkt an der Autobahn liegt. Er liegt direkt am Fluss, den wir auch nutzen zur Entwicklung des Viertels. Er liegt direkt an der S-Bahn, die eine direkte Verbindung zum Frankfurter Flughafen und zum Frankfurter Hauptbahnhof bietet. Auch verfügt das Gebiete über Radwegeanbindung, was ja auch immer wichtiger wird. Glasfaser liegt dort an jeder Stelle. Und hinzu kommt, dass die Ampeln, die wir jetzt dort verbauen, alle smarte Technologie enthalten, also in Echtzeit gesteuert werden.

Deutschlands wichtigste Landesbank, die Helaba, hat sich unlängst auch für den Kaiserlei entschieden. Damit ist der größte Standort der Bank nicht in Frankfurt oder Erfurt, sondern hier in Offenbach. Auch die AXA Versicherung ist dort, Evonik ist dort, Hyundai ist da, und viele weitere Unternehmen. Danvoss wird dort hinziehen, hat schon unterschrieben. Das heißt, es haben sich schon viele weitere Unternehmen zum Standort bekannt, obwohl man dort noch keine Bagger für sie sieht. Also zum Glück glaubt nicht nur der Offenbacher Oberbürgermeister an dieses Viertel. Die Entwicklung dort läuft im Moment sehr, sehr gut.

Das Kaiserleigebiet zwischen Offenbach und Frankfurt
Die ehemaligen Siemens Bürotürme werden in Wohnhochhäuser verwandelt: Die New Frankfurt Towers im Projekt Vitopia Campus (Sommer 2020)
Investitionsplan Kaiserlei - Stadt Offenbach - Geplante Hochhäuser Offenbach Kaiserlei - Karte - Immobilienstandort Offenbach am Main

SKYLINE ATLAS: Das sind spannende Entwicklungen, die uns im Kaiserlei in den nächsten Jahren erwarten. Was ist die langfristige Vision für Offenbach?

Dr. Felix Schwenke: Die langfristige Vision für Offenbach ist, dass unsere Stadt zunächst mal eine lebenswert bleibt. Als erstes Megathema also Klimawandel. Das heißt, ich will schon eine Stadt haben, in der es nicht im Sommer ungenießbar heiß ist, sondern in der es eben noch Wasser gibt, Grün gibt, Plätze gibt, an denen man sich gerne aufhält und wo man das ganze Jahr insgesamt gerne lebt und leben kann. Das ist meine erste Hoffnung.

Die zweite Hoffnung für Offenbach ist, dass es eine wirtschaftlich stabile Stadt ist. Heute sind wir finanziell etwas angeschlagen, was unsere politische Handlungsfähigkeit einschränkt. Ob Kultur und Sportvereine unterstützen, ob bezahlbaren Wohnraum schaffen, ob bezahlbare günstige Bustickets oder die Sanierung der Schulen. Das alles kostet am Ende auch Geld. Und deshalb ist es schon eine Vision, dass wir auch ein Stadt sind, die eben wirtschaftlich eine Stabilität findet. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich so viel mit dem Thema Wirtschaftsförderung und Wirtschaftspolitik beschäftige. Und wenn das gelingt, dass wir mittel- bis langfristig eine lebenswerte Stadt bleiben und finanziell eine stabile Stadt sind, dann werden all die anderen Themen damit auch schaffbar.

Frankfurt Offenbach Umweltzone

SKYLINE ATLAS: Frankfurt und Offenbach gehen in der regionalen Entwicklung eine Symbiose ein und profitieren stark voneinander. Gleichzeitig werden Stadtgrenzen in den letzten Jahrzehnten für die Menschen immer unwesentlicher, teils sogar zum Hindernis, wie Tarifgrenzen beim RMV. Offenbach gehört gefühlt zu Frankfurt und Frankfurt zu Offenbach. Wie können die beiden Städte ihre Zusammenarbeit weiter intensivieren?

Dr. Felix Schwenke: Also wir arbeiten an ganz vielen wesentlichen Dingen zusammen. Zum Beispiel im Rahmen zur Anwerbung von Touristen gibt’s ein Projekt „Destination Frankfurt“, wo wir also unsere Städte gemeinsam mit der ganzen Region touristisch vermarkten. Bei der Wirtschaftsförderung, bei den großen internationalen Messen wie MIPIM, EXPO REAL und beim Weltwirtschaftsforum in Davos treten Offenbach und Frankfurt sowie die gesamte Region gemeinsam nach außen hin auf.

Beim Abfall gibt es auch eine Kooperation in der Region, beim Verkehr ebenso. Beim Verkehr haben sie ein sehr schönes Beispiel mit den Tarifgrenzen genannt. Manchmal ist noch nicht Kooperation allein schon der Schlüssel, sondern die Kooperation muss auch richtig gut sein, damit dann auch was Ordentliches rauskommt. Und da stecken natürlich gerade beim Verkehr komplizierte Finanzierungsmechanismen dahinter. Aber mein Ziel wäre schon, dass wir zukünftig beim ÖPNV, also bei Bussen und Bahnen, einen Tarif abhängig nach einfacher Entfernung haben. Da muss man dann gucken, dass eben der Tarif so berechnet wird, wie viel man tatsächlich am Ende auch genutzt hat. Und dann werden diese Tarif Grenzen vollständig weg. Das ist nicht ganz trivial, wie gesagt, wegen der Verrechnung die hintendran, aber ich hoffe, dass wir da hinkommen.

Und so müssen wir grundsätzlich bei allen Themen immer alles prüfen. Sind es Dinge, die wir in der formalen Struktur zusammen machen sollten oder nicht, z.B. auch bei Corona? Die Pandemie, die uns jetzt länger beschäftigt und hoffentlich eines Tages können wir sagen beschäftigt hat, wird es auch einen Aufruf geben, bei dem dann nochmal gemeinsam an bestimmte Dinge appellieren, weil das macht ja auch nicht an Stadtgrenze halt. Also wir gucken schon immer, wo können wir Bestehendes verbessern. Ihre Tarifrecht ist genau ein Beispiel, an dem wir dran sind. Wo können wir Zusätzliches machen, ohne dass das jetzt heißt, die Städte müssen direkt verschmelzen, sondern man kann ja auch so gemeinsam handeln.

Gemeinschaftsstand Region Frankfurt auf der EXPO REAL - organisiert von der Wifö FFM - Wirtschaftsförderung Frankfurt

SKYLINE ATLAS: Und jetzt unsere Lieblingsfrage: Wer müsste Impulse für einen Zusammenschluss beider Städte geben? Und wann wird dies geschehen?

Dr. Felix Schwenke: (lacht) Ich glaube, ein Zusammenschluss von Offenbach und Frankfurt wird es nach meiner Prognose nicht geben. Das ist zwar besonders charmant, wenn man sich das so ansieht, aber dann könnte man jetzt wirklich auch mal inhaltlich einsteigen und sofort die Gegenfrage stellen: Warum sollten nicht Stadt Offenbach und Kreis Offenbach verschmolzen werden? Warum ist das getrennt? Und sollte man, wenn dann ernsthaft nur Offenbach mit Frankfurt verschmelzen? Also mal abseits von Emotionalem müsste man dann auch inhaltlich definieren, warum das jetzt ausgerechnet der kluge Kern wäre. Und ich glaube, wenn man sich das inhaltlich anguckt, würde man zu anderen Schlüssen kommen.

Entscheidend ist aus meiner Sicht immer, dass man natürlich in der Tat nur Verwaltungseinheiten hat, die eine sinnvolle Handlungsgröße haben. Und da gibt’s natürlich schon Dörfer oder kleine Städte, wo interkommunale Kooperation bis hin zur Verschmelzung auch sehr viel Sinn macht. Aber wir sind schon immer eine Großstadt mit mehr als 140.000 Einwohnern. Also wir sind jetzt nicht irgendein beliebiges verwaltungstechnisch überflüssiges Kleinod, sondern wir sind eine richtige Großstadt mit großen Plänen.

Nur weil Frankfurt größer ist, heißt es nicht, dass wir per se irgendwie durch unsere Größe viel zu klein sind, um zu existieren. Deswegen glaube ich: Offenbach hat eine vernünftige Größe, um Probleme in seinem Bereich auch gut bearbeiten zu können. Deswegen steht von der Verwaltungsstruktur und auf der Sachebene her kein Zwang zu einer Verschmelzung an.

Frankfurt und Offenbach liegen beide direkt gegenüber am Mainufer - Kaiserleigebiet und Kaiserleibrücke

Zwischen Offenbach und Frankfurt verliefen über Jahrhunderte Grenzen, ja sogar Landesgrenzen. Und ich bin absolut bei denen, die weltoffen sind und weltoffen sein wollen. Am Ende müssen wir hier wichtige, ernsthafte Dinge bearbeiten. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, es gibt schon auch noch echte Ur-Offenbacher und echte Ur-Frankfurter. Die wollen das auch nicht. Und jede Stadt darf zu Recht von ihrem Oberbürgermeister erwarten, dass er jetzt nicht solch eine solche emotionale Idee derzeit ernsthaft aufgreift.

Der entscheidende Punkt ist am Ende das Inhaltliche: Es gibt dafür einfach keinen zwingenden Grund. Was zwingend ist, dass man ernsthaft miteinander redet und schaut: Das machen Stadt Offenbach und Kreis Offenbach miteinander. Und das müssen natürlich auch Stadt Offenbach und Stadt Frankfurt machen. Und so macht es auch die ganze Region. Deshalb gibt es die Kooperation mit dem RMV, über den wir schon gesprochen haben, beim Müll, bei der Kultur über den Kulturfonds und bei der Wirtschaftsförderung über die FrankfurtRheinMain GmbH. Es findet also an ganz vielen Stellen auch wirklich schon konkret eine Zusammenarbeit statt. Und das wiederum können die Bürgerinnen und Bürger erwarten.

SKYLINE ATLAS: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview wurde im September 2020 geführt.

Zur Person: Felix Schwenke

Dr. Felix Schwenke, Jahrgang 1979, ist seit 21. Januar 2018 Oberbürgermeister der Stadt Offenbach. Er wurde in Frankfurt geboren, lebt aber seit seiner Geburt in Offenbach. Nach der Promotion in Politikwissenschaft unterrichtete er als Gymnasiallehrer in Offenbach, war vier Jahre als hauptamtlicher Stadtrat (u.a. Stadtkämmerer) und danach als ehrenamtlicher Stadtrat tätig.

Felix Schwenke (SPD) - Bürgermeister der Stadt Offenbach - Oberbürgermeister Offenbach am Main

Dr. Felix Schwenke

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