Frankfurt Europa Viertel - Erfahrungsbericht - Wohnen Europaviertel - Neubau Wohnungen Europaviertel Frankfurt am Main

Wohnen im Europaviertel - Wie es dort wirklich ist

Das Europaviertel ist ein neues Stadtquartier in Frankfurt am Main, in dem einmal rund 30.000 Menschen arbeiten und bis zu 10.000 Personen leben sollen. Das Europaviertel liegt in der Nähe des Messegeländes auf dem ehemaligen Gelände des Hauptgüterbahnhofs. Im Jahre 2005 wurde mit den Erschließungsarbeiten begonnen und 2006 der erste Hochbau fertig gestellt. Seitdem erfolgt die Fertigstellung des Stadtviertels schrittweise und soll bis ca. 2025 abgeschlossen sein.

Konstantin von Wedelstädt wohnt seit 2012 im Europaviertel. Der Frankfurter arbeitet für eine Airline und hat das Thema Flugzeuge als Hobbyfotograf für sich entdeckt. Neuerdings fotografiert er auch die Stadt und sein eigenes Viertel. Seine Erfahrungen mit dem Leben im Europaviertel teilt er jetzt mit uns (Oktober 2020).

SKYLINE ATLAS: Hallo Herr von Wedelstädt. Schön, dass wir uns über das Europaviertel unterhalten. Man liest ja in letzter Zeit wenig Gutes über das Quartier. Erzählen Sie uns doch kurz etwas zu Ihnen.

Konstantin von Wedelstädt: Wir haben 2012 eine Wohnung im westlichen Teil des Europaviertels gekauft, sozusagen vom Reißbrett aus. Dann haben wir ungeduldig und neugierig die Entstehung des Europaviertels beobachtet und sind Mitte 2014 eingezogen.

Es war eine bewusste Entscheidung, stadtnah zu leben, im Gegensatz zu Riedberg oder Umland. Das Baufeld West befand sich damals noch im Bau, die Wohnhochhäuser AXIS und Westside Tower kamen erst später dazu. In einem sich entwickelnden Baugebiet bleiben daher Baulärm und Staub ständige Begleiter, mit denen man sich arrangiert.

Dabei haben wir mittlerweile gelernt, Hochglanzbroschüren von dem Projektentwickler nur bedingt zu glauben. Beim nächsten Mal würde man den einen oder anderen Fehler hoffentlich vermeiden, aber das ist sicher die normale Lernkurve eines jeden Immobilienkäufers.

Europaviertel Frankfurt aus der Luft - Luftaufnahme Oktober 2020
Europaviertel Frankfurt - Wolkenkratzer im Bau - Neue Hochhäuser - Rundflug Skyline - Panoramabild - Luftaufnahme

SKYLINE ATLAS: Kommen wir einmal auf die praktischen Seiten des Europaviertels zu sprechen. Was fällt Ihnen hierzu ein?

Konstantin von Wedelstädt: Positiv hervorzuheben ist die bereits erwähnte stadtnahe Lage, verbunden mit dem Skyline-Panorama. Aber auch die Infrastruktur, das Angebot von Läden und gastronomische Angebote haben sich in den letzten Jahren stark verbessert.

Eine ganz persönliche, aber nicht triviale Kritik von mir betrifft die hohen und scharfen Bordsteinkanten im Europaviertel. Was bitte sehr hat man sich hierbei gedacht? Sie bergen ein hohes Schadenspotenzial für Autoreifen und die Felgen sowie ein hohes Verletzungsrisiko für Radfahrer. Macht man das nur, um Parksünder fernzuhalten oder gibt es noch andere gute Gründe dafür?

Hohe Bordsteine im Europaviertel Frankfurt

SKYLINE ATLAS: Das rund 2,4 Kilometer lange Europaviertel wird fast auf der gesamten Länge von der Europa-Allee durchzogen, einem Boulevard nach Großstadtmanier. Wie finden Sie diese Straße als Anwohner?

Konstantin von Wedelstädt: Das Grundkonzept mit zentraler Achse und Parks wirkt für mich modern, funktionell und ansprechend, insbesondere die Anbindung an den Grüngürtel via Rebstockpark.

An der Europa-Allee entstehen derzeit noch etliche Neubauten, viele davon sind Wohntürme mit Eigentumswohnungen. Aus städtebaulicher Entwicklungsperspektive finde ich es besonders spannend, die Entwicklung vor der eigenen Haustür „live“ verfolgen zu können, als Hobby-Fotograf umso mehr.

Einige Kultur- und Architekturkritiker haben die Europa-Allee als „Stalinallee“ verspottet. Das ist sicherlich nicht ganz unberechtigt, denn die Architektur einiger Projekte ist leider schlicht und monoton. Dafür stechen einige Hochhäuser wie Leuchttürme hervor, sei es der Grand Tower oder die wertige Architektur der Baufelder neben dem Europagarten, eines Tages hoffentlich auch der Porsche Design Tower.

Europa Allee Frankfurt
Restaurants Europa Allee Frankfurt

SKYLINE ATLAS: Europagarten ist ein schönes Stichwort, einst geplant als grüne Lunge des Quartiers. Als Passant ist man schon verwundert, dass der Park seit Jahren nicht nutzbar ist und mit Bauzäunen abgesperrt ist.

Konstantin von Wedelstädt: Das ist absolut korrekt und für viele Anwohner sehr ärgerlich. Für uns hat der Europagarten langsam das Gefühl eines BER (der Berliner Flughafen, der gefühlt niemals fertig wurde). Es ist für viele Frankurter vollkommen unverständlich, warum hier keine Lösung herbeigeführt wird und der Park endlich geöffnet wird.

Betreten der Baustelle verboten

SKYLINE ATLAS: In Ordnung, diese Kritik hören auch wir nicht zum ersten Mal. Vielleicht klappt es ja mit dem anderen Projekt der Stadt ja besser: Derzeit entsteht mit der U5 eine neue U-Bahnstrecke unter der Europa-Allee. Freuen Sie sich auf sie?

Konstantin von Wedelstädt: Das ist ein streitbares Thema. Auch hier gibt es Verzögerung nach Verzögerung. Ganz grundsätzlich sollte man sich die Frage stellen, ob es sinnvoll war erst die Häuser und Straßen zu bauen und erst stark zeitverzögert mit der Infrastruktur zu beginnen. Es werden neu gemachte Straßen aufgerissen, Bäume umgepflanzt und Anwohner gestört. Im östlichen Teil der  Europa-Allee möchte ich jedenfalls zur Zeit nicht leben wollen.

Durch die nicht gut geplante Infrastruktur leben die Leute im Europaviertel noch etwas abgekoppelt von der Stadt. Antatt 5 Minuten mit der U-Bahn ist man noch auf Jahre 15 Bus-Minuten vom Hauptbahnhof entfernt. Dank fehlender Direktanbindung zur Innenstadt fühlt man sich weiter von dieser entfernt, als sie es in Wirklichkeit ist. Das mag zumindest der Besuchsfrequenz des Skyline Plaza Einkaufszentrum helfen, aber für die Bewohner im Europaviertel ist der Weg in die Innenstadt bisher umständlich.

Die Europa-Allee durchzieht das Europaviertel - hier wird die U5 U-Bahn gebaut (2019)

SKYLINE ATLAS: War der Kauf Ihrer Immobilie eine gute Entscheidung?

Konstantin von Wedelstädt: Der frühe Kauf in 2012 hat sich für uns als gute Investition erwiesen, weil die Immobilienpreise in den letzten Jahren stark gestiegen sind. Das entschädigt für manch eine Enttäuschung.

Wem es im Europaviertel noch zu ruhig ist und das wahre Leben vermisst, der kann auch die Grenzen des Viertels verlassen und den benachbarten Gallus besuchen – ein reizvoller Kontrast.

SKYLINE ATLAS: Da klingt aber auch Frust durch, wie wir finden. Was sind Themen, die im Europaviertel nicht gut sind?

Wie wohl in den meisten Neubaugebieten, dauert es natürlich seine Zeit, bis sich Leben entwickelt. Hier schneidet das Europaviertel sicher nicht schlechter als z.B. der Riedberg ab. Auf ein paar Rückschläge sei jedoch hingewiesen: besonders kritisch wurde von vielen Bewohnern die Umwidmung des Grundstücks über dem westlichen Tunneleingang (KiTa statt Café und Bio-Markt auf dem Tel-Aviv-Platz) gesehen, mangels Investoreninteresse – trotzdem definitiv eine vertane Chance auf einem Filetstück am Park mit Skylineblick. Auch das plötzliche Schließen des Restaurants „Laube Liebe Hoffnung“ war bedrückend, es war das inoffizielle „Wohnzimmer des Europaviertels“. Jetzt hat in dieser Location das neue Restaurant „Pauline im Europagarten“ eröffnet, und wir sind voller Erwartung, was diese Location betrifft.

Nicht ganz optimal gelöst empfinde ich das westliche Ende des Europaviertels hinter den Türmen von AXIS und Westside Tower mit den Anschluß an den Römerhof. Hier endet das Viertel sehr unverhofft, teilweise auch durch die abgezäunte verbliebene Bahntrasse auf der geschützte Eidechsen leben – dabei wäre hier doch das Potenzial für einen „Highline Park“ wie in New York. Vielleicht kommt hier aber durch die geplante Entwicklung des südlichen Rebstockgeländes noch eine Dynamik auf.

Europagarten Frankfurt am Main im Europaviertel
Pauline - Restaurant mit Aussichtsturm im Europaviertel

SKYLINE ATLAS: Wie lautet also Ihr Fazit aus sechs Jahren Europaviertel?

Konstantin von Wedelstädt: Auch wenn sich die Plus- und Minuspunkte vielleicht die Waage zu halten scheinen, so sind wir unterm Strich doch gerne und überzeugte „Europa-Viertler“ und bereuen den Schritt nicht.

Es ist für jeden Einzelnen vor allem eine Grundsatzentscheidung zwischen dem Charme einer Altbauwohnung in einem gewachsenen Viertel und dem Komfort und den modernen Annehmlichkeiten eines Neubaus.

Insbesondere bleiben wir gespannt auf die weitere Entwicklung, die verbleibenden noch nicht umgesetzten Projekte und freuen uns eines Tages auf ein „fertiges“, dann (heran-)gewachsenes Viertel.

Wohnen in grün - Frankfurt Europaviertel
Skyline Plaza Frankfurt - Einkaufszentrum

SKYLINE ATLAS: Danke für das Gespräch.

Das Gespräch wurde im Oktober 2020 geführt. Fotos: Konstantin von Wedelstädt

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