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Frankfurts EZB: Ein Hochhaus der Superlative

Volker Teige, Facility Manager der EZB, im Interview

Die neue Europäische Zentralbank im Frankfurter Ostend gehört zweifelsohne zu den spektakulärsten Hochhäusern der Mainmetropole. In der verdrehten Fassade spiegelt sich tagsüber das Sonnenlicht, nachts wirkt das Hochhaus wie ein stiller Beobachter des nahegelegenen Bankenviertels. Ein echter Hingucker für die stetig wachsende Frankfurter Skyline!

Doch wie sieht es mit weiteren Hochhäusern am Standort im Ostend aus? Reichen die derzeitigen Kapazitäten für die Europäische Zentralbank auf lange Sicht aus? Und wie gestaltet sich eigentlich der tägliche Betrieb in einem so besonderen Gebäude? Diese und weitere Fragen stellten wir Volker Teige, Facility Manager der Europäischen Zentralbank, in unserem exklusiven Interview.

SKYLINE ATLAS: Lieber Herr Teige, schön, dass Sie sich heute die Zeit für unser Gespräch hier im Innern der Europäischen Zentralbank nehmen. Als Leiter des Technischen Facility Managements kennen Sie alle Details des Gebäudes. In ein paar Worten, was macht den neuen Sitz der Europäischen Zentralbank aus?

Volker Teige: Das Gebäude hat für mich seinen Reiz in dem Zusammenspiel von historischer Bausubstanz, der 1928 errichteten Großmarkthalle, und den durchdesignten Bauten von Coop-Himme(l)blau. Das war im Projekt eine Herausforderung und ist es auch im Betrieb. Und dann gab es neben dem EZB Projekt ja noch das Projekt der jüdischen Gedenkstätte, die sich im Kopfbau Ost befindet. Diese drei Elemente machen für mich unser „Main Building“ zu etwas Besonderem.

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Volker Teige in der EZB

SKYLINE ATLAS: Unsere Leser interessiert, warum die EZB sich für den Standort abseits der Innenstadt im Frankfurter Ostend entschieden hat. 

Volker Teige: Das Gelände wurde zusammen mit der Stadt Frankfurt ausgesucht. Es gab ein Anforderungsprofil der EZB in Bezug auf das Grundstück. Es wurden insgesamt 35 Liegenschaften untersucht und schließlich fiel die Entscheidung für die ehemalige Großmarkthalle, die allen Anforderungen am besten gerecht wurde. Der Neubau hat auch einen Beitrag zur Entwicklung im Ostend, hin zu einem modernen Dienstleistungsstandort, gehabt. Der Stadtteil hat sich in den letzten Jahren sehr gewandelt.

Luftbild EZB Frankfurt hochauflösend - Hauptsitz Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main - Luftaufnahme per Drohne - EZB Bild Hubschrauber

SKYLINE ATLAS: Immer wieder gibt es Gerüchte über mögliche weitere Bauten der EZB auf dem Areal der Großmarkthalle. Wie realistisch ist dies und wurde ein solches Szenario bereits beim Bau des jetzigen Hochhauses berücksichtigt?

Volker Teige: Für das Grundstück gibt es einen Bebauungsplan, der noch freie Baufenster ausweist. Es wurde also damals schon berücksichtigt, dass die EZB eventuell wächst. An die Bankenaufsicht hatte man jedoch noch gar nicht gedacht, da diese erst kurz vor Ende der Bauphase ihre Arbeit aufnahm. Realistisch sind weitere Gebäude schon. Wir stehen in Kontakt mit der Stadt über eine Nutzung dieser Baufenster. Das ist eine Option neben Mieten oder Kaufen.

„Realistisch sind weitere Gebäude schon.“

Volker Teige auf die Frage, ob weitere Hochhäuser am Standort geplant seien

SKYLINE ATLAS: Kommen wir einmal zu Ihrer Aufgabe in der EZB. Was macht eigentlich ein Facility Manager und welche Herausforderungen gibt es diesbezüglich bei einem so wichtigen und großen Gebäude wie der Europäischen Zentralbank?

Volker Teige: Mein Team und ich sind verantwortlich für das technische Facility Management (FM). Mit einem externen Dienstleister zusammen verantworten wir den zuverlässigen Betrieb der Liegenschaft in Bezug auf Energieversorgung, Heizung, Lüftung, Klimatisierung, Licht, Strom- und Wasserversorgung. Die Herausforderungen ähneln dem von anderen Gebäuden: das Kerngeschäft will ungestört seiner Arbeit nachgehen und das FM muss diesen Tagesablauf nach Kräften ermöglichen. Besonders ist für mich, dass wir hier an der Vision eines geeinten und friedlichen Europas mitarbeiten. Das ist derzeit für alle, egal wo, nicht gerade einfach.

SKYLINE ATLAS: In den letzten Jahren hat sich die Gebäudetechnik entscheidend weiterentwickelt. Immer mehr ist von Smart Buildings die Rede, welche digital die Steuerung des Hochhauses übernehmen. Wie verändert sich dadurch die Rolle des Facility Managers?

Volker Teige: Die Digitalisierung stellt neue und höhere Anforderungen an den Betrieb. Das beginnt bei der fachlichen Qualifikation im digitalen Bereich und geht hin bis zu den Problemen, die diese vernetzten, komplexen Systeme mit sich bringen. Ein Beispiel ist die Lichtsteuerung: Die im August 2022 erlassenen Verordnungen zur Einsparung von Energie in Zusammenhang mit der Gasmangellage sind für die Umprogrammierung eine kleine Herausforderung. Verschiedene Funktionsbereiche sind auf unterschiedliche Szenarien programmiert, die alle angepasst und geprüft werden müssen. Gleiches gilt für die 19 Grad Raumtemperatur: Einfach nur den Thermostat an der Heizung runterdrehen geht hier nicht. Die Aufgabe ist wesentlich komplexer, da Heizung und Kühlung bei unserem vernetzten Gebäude zusammenspielen. Nur weil es 20 Grad im Raum sind, soll ja nicht gleich gekühlt werden. Das muss der Regelung erst einmal beigebracht werden.

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SKYLINE ATLAS: Durch die Drehung des EZB-Hochhauses und die schrägen Fassaden gestaltet sich jedes Stockwerk individuell. Welche Herausforderungen bringt dies beim Betrieb des Gebäudes mit sich?

Volker Teige: Erstaunlicherweise fast keine. Im technischen Betrieb merken wir das wenig. Die Fassadenreinigung ist durch das seitliche Versetzen der Gondeln in einigen Bereichen aufwändiger und das Flächenmanagement muss in allen Etagen andere Grundflächen berücksichtigen.

EZB-Hochhaus Frankfurt a.M. - EZB Sitz - Europ. Zentralbank Wolkenkratzer - Skytower FFM
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EZB Frankfurt Zentrale bei Nacht - im Hintergrund die Skyline von Frankfurt am Main mit ihren Bankentürmen - Panorama Frankfurt

SKYLINE ATLAS: Das EZB-Hochhaus besteht aus zwei schrägen Türmen, welche durch eine bestimmte Statik mit Stahlstreben zusammengehalten werden. Können Sie uns etwas mehr zur außergewöhnlichen Architektur des Gebäudes sagen?

Volker Teige: Das Gebäude war in der Berechnung der Statik und Verformung im Bauprozess sehr komplex. Hier hat Coop-Himmelb(l)au ein tolles Design entwickelt. Im fertigen Büro selbst merkt man von dieser Komplexität zum Glück nichts. Hier sind die hellen Büroflächen das Bestimmende.

Die außergewöhnliche Architektur nimmt man am stärksten im Atrium wahr. Diese riesigen „Hallen“ sind schon sehr beeindruckend. Meiner Meinung nach ist die Außenansicht jedoch das Beste: der Himmel spiegelt sich in der Fassade und das Gebäude sieht dadurch im Tagesverlauf immer wieder etwas anders aus.

SKYLINE ATLAS: Beim Thema Nachhaltigkeit in der Immobilienwirtschaft geht es besonders darum, Gebäude auch im Betrieb effizienter zu machen. Welche Rolle kommt hier dem Facility Manager zu?

Volker Teige: Im Facility Management müssen wir kontinuierlich die Anlagen im Gebäude beobachten und optimieren, um nur so viele Ressourcen einzusetzen, wie das Kerngeschäft benötigt. Hinzu kommt der Einsatz umweltfreundlicher Materialien und Verbrauchsmittel. Dazu benötigt man dann ein innovatives Team, dass immer wieder Neues ausprobiert und damit die Immobilie nachhaltiger macht. In Frankfurt sind wir Mitglied in einem Energieeffizienz-Netzwerk. Dort haben wir ein Forum gefunden, in dem wir uns mit anderen Unternehmen austauschen können. Das hilft sehr bei der Suche nach Lösungen.

Nachhaltigkeit ist aber auch bei der historischen Großmarkthalle sehr gelungen, die unbedingt erhalten werden sollte. Sie bekam eine Innendämmung und neue Fenster. Geheizt wird nur der westliche Teil. Das geschieht mit einer Fußbodenheizung. Diese kühlt das Wasser der Fernwärme auf unter 50 Grad ab, was für den Wirkungsgrad der Erzeugung in den Heizwerken von Vorteil ist. Dadurch bleibt die Temperatur auch in den ungeheizten Bereichen immer bei mindestens 15 Grad.

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SKYLINE ATLAS: Wagen wir einen kleinen Ausblick zum Schluss. Wohin wird sich Gebäudetechnik noch entwickeln und welche Auswirkungen hat dies auf den Gebäudebetrieb von Hochhäusern?

Volker Teige:  Der Betrieb wird immer digitaler werden. Dadurch stehen mehr Daten zur Verfügung, die für Betriebsoptimierungen nutzbar sind. Man benötigt aber auch entsprechende Analysewerkzeuge und Fachleute, die diese bedienen können. Hier sehe ich noch viel Entwicklungsarbeit auf uns alle zukommen, um dieses Potential auszuschöpfen. Unsere Gebäudeautomation erzeugt pro Sekunde ca. 350 Zeilen bzw. Ereignisse. Hier entstehen riesige Datenmengen, die für eine Analyse noch aufbereitet werden müssen. Mit Excel kommt man da nicht weit. Will man dann noch verschiedene Datenbanken verlinken, wird es sehr schnell unübersichtlich. Diese komplexen Aufgaben benötigen Datenmanager und die Ergebnisse müssen am Ende von der Betreibermannschaft auch noch verstanden werden und Impulse für Verbesserungen liefern.

Mit der Digitalisierung kommen aber auch neue Themen auf den Betrieb und die Budgetplanung zu. IT-Sicherheit ist ein neues Feld im Gebäudemanagement, das von der klassischen IT lernen kann. Hier werden plötzlich Softwarelizenzen und regelmäßige Updates benötigt. Das war früher nicht notwendig. Ferner sind Produktzyklen und Lebensdauern in der IT-Branche viel kürzer als in der Gebäudetechnik. Firewalls, Server und Switches müssen in regelmäßigen Abständen getauscht werden – dies ist Zeit- und kostenintensiver. In der analogen Welt brauchte man das nicht. Diese Veränderungen und ihre Möglichkeiten machen für mich heute den Reiz in meinem Beruf aus. Man fühlt sich als Pionier.

SKYLINE ATLAS: Herr Teige, vielen Dank für das Gespräch.

5 Fragen an…

Volker Teige hat im Rahmen unserer Videoreihe „5 Fragen an…“ weitere Antworten gegeben. Für die Wiedergabe bitte auf das Symbol zum Abspielen klicken.

Alternativ: Video auf Youtube ansehen

Interview Volker Teige

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Zur Person

Volker Teige ist bei der Europäischen Zentralbank als Sektionsleiter Technisches Facilitymanagement angestellt. Nach dem Studium Krankenhausbetriebstechnik arbeitete er zunächst als Planer in einem Ingenieurbüro und dann als Technischer Leiter in einer Klinik, bevor er 2002 in die Bauabteilung der EZB wechselte. 2013 wurde er stellvertretender Abteilungsleiter und übernahm 2015 mit dem Einzug in den Neubau der EZB die Sektion Technisches Facility Management innerhalb der Bauabteilung.

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Ein Kommentar zu “Volker Teige

  1. Reinhard Ansgar Schulz-Mittenzwei kommentierte: 4 Wochen ago Reply

    Die Frage ist doch und die wurde nicht beantwortet. Warum mietet die EZB 2 Gebäueim Bankenviertel an, wenn sie doch das Recht hätte, auf ihren m eigenen Grundstück zu bauen?

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